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Wer Kennt Jonas?

Wer kennt Jonas?

Jede Zeit hat ihre Attraktionen und Sensationen. Wenn man dann als Nachgeborener auf diese Zeiten zurück sieht, ist das zuweilen schon etwas verwunderlich. Aber gut, in Anbetracht der „Körperwelten“ ist es auch wieder nicht sooo kurios, dass man in den 1950er- und 1960er-Jahren – prä-Megaflatscreens, prä-Billigflieger, prä-Tierschutzaktivisten – präparierte Wale als Attraktionen quer durch Europa gekarrt hat. In unserem Fall Jonas, einen 20 Meter großen und 55 Tonnen schweren Finnwal, der am 11. September 1952 nördlich von Trondheim erlegt worden war.

Die Vorbereitungen für die anschließende „Walfahrt“ (© tagesanzeiger.ch) waren gar nicht so einfach, wie das Begleitheft „Zur Ausstellung des Riesen-Wal Jonas“ erklärt. „Wale kann man ja nicht, wie andere Säugetiere, ausstopfen, weil die starke Lederhaut fehlt. […] Da entschloss man sich zur Konservierung mittels einer antiseptischen Flüssigkeit.“ Man injizierte dem Riesenkörper also kurzerhand mit hohem Druck eine Mischung aus Wasser und Formalin. Und davon nicht zu knapp: „Nicht weniger als 7000 Liter bekam Jonas auf diese Weise eingespritzt.“ Die dazu verwendeten Spritzen konnte man sich übrigens im Zuge der Ausstellung ansehen.

Wenige Wochen nachdem Jonas 1952 sein ganz persönliches 9/11 erlebt hatte, war er schon zum ersten Mal in Rotterdam zu sehen und tourte dann durch Europa (samt Abstechern nach Afrika und Asien). Etwa um das Jahr 1960 herum machte Jonas auch in Innsbruck Station – und zwar am Gelände das damals noch unverbauten Bismarckplatzes. Dort erlebte ihn auch der spätere Antiquar Dieter Tausch, der uns vor einigen Jahren das Begleitheft überlassen hat. (Selbiges ist übrigens eine interessante D(A)CH-Kombination aus Wertangaben in Deutschen Mark und schweizerischem Verzicht auf das scharfe ß. Ein allfälliger österreichischer Beitrag müsste jedoch noch eruiert werden.) Damals ein kleiner Bub, ist Dieter Tausch der riesige Tieflader mit dem Wal, der am südlichen Ende des Parkes abgestellt war, noch immer in lebhafter Erinnerung. „Mir deucht auch, daß ein (geringes) Eintrittsgeld verlangt wurde, das mein Großvater für uns beide bezahlt hat,“ erzählte er uns.

Fotos von diesem Ereignis besitzen wir übrigens leider keine, wenn also jemand eines im eigenen Kindheitsalbum hat, würden wir uns sehr freuen, eine Kopie zu erhalten, um diesen kleinen (wie man es halt nimmt) stadtgeschichtlichen Mosaikstein auch visuell dokumentiert zu haben.

Die Präparatoren leisteten 1952 augenscheinlich ganze Arbeit. Einer (natürlich längst vergriffenen) Sonderausgabe des Walmagazins „Fluke“ zufolge wurde Jonas erst Ende der 1970er-Jahre eingelagert, 2008 noch einmal einige Tage in London gezeigt und 2010 auf eBay versteigert. Seither sei sein Aufenthaltsort unbekannt. (Quelle: „Wiedersehen mit Jonas„)

Die Erläuterungen des Begleithefts vermittelten den Besucherinnen und Besuchern übrigens in kurzen Absätzen alles mögliche Wissenswerte über „Walfische“. Unter anderem über deren fast vorbildliche Monagamie: „Die Treue des männlichen Tiers geht sogar soweit, dass er trotz der Gefahr das Weibchen nie im Stich lässt, wenn dieses zuerst geschossen wird. Frau Wal entzieht sich im umgekehrten Falle jedoch sofort durch die Flucht.“

Sofern es im Herbst 1952 eine Frau Jonas gegeben hatte, besteht also die Hoffnung, dass sie mit dem Leben davonkam. Aus dem Ende des Geliebten hingegen wurde kein Hehl gemacht. „Bei Jonas sieht man an der linken Seite die Harpune, welche das Tier tötete.“ Auch ein weiteres Geschütz war ausgestellt. „Man bemerkt an der Spitze der Harpune die mit einer Ladung Sprengstoff versehene Granate, welche im Körper des Walfisches platzt.“

Das klingt zwar nicht ganz angenehm, geschah aber für den guten Zweck. Schließlich ist der Wal „für die Ernährung vieler Völker äußerst wichtig“, dazu kam die Nutzung für Lebertran, Seife, Knochenmehldünger und vieles mehr. „Man ist jetzt soweit, dass wörtlich nichts vom ganzen grossen Walfischkörper verloren geht. Die Wale sind denn auch von ganz grosser Bedeutung für die Weltökonomie.“ Zum Glück, so konnten alle Walfreunde beruhigt werden, sind die Meeressäuger allein schon aus Kostengründen vor der Ausrottung geschützt:

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Div-3731)
Dieser Beitrag hat 7 Kommentare
  1. Der Name Jonas ist natürlich kein Zufall, sondern ein geschickter Marketing-Gag, welcher auf die biblische Erzählung vom Propheten Jona und dem Walfisch Bezug nimmt.

    In der Admonter Riesenbibel aus dem 12. Jahrhundert gibt es eine entzückende Darstellung, wie der Prophet gerade vom Wal verschluckt wird. Der Wal bildet dabei dank eines witzigen Einfalls des Buchillustrators zugleich die Initiale des Namens Jonas! Darauf muss man erst einmal kommen. Hier das lateinische Manuskript:
    https://onb.digital/result/10FE3FA4

  2. Wow, ich bin ganz hin und weg. Habe ich doch diesen Wal seinerzeit als Bub aus nächster Nähe begutachtet.
    Aus mir unbekannten Gründen war der lange Lastzug mit dem Wal kurze Zeit in der Bocksiedlung direkt vor unserem Haus
    geparkt. Die ganze Siedlung war in Aufruhr und in Aufregung versetzt. So einen riesigen „Fisch“ hatte man noch nie nah gesehen.
    Wenn ich daran denke, steigt mir wieder der unangenehme Geruch, der davon ausging, in die Nase. Auch kommt mir vor, war der Wal schon in einem etwas desolaten Zustand.
    Aber einen bleibenden Eindruck hat dieser Säuger bei mir schon hinterlassen. Warum und wie lange genau der Laster hier stand, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich nur ein Zwischenabstellplatz. Leider gibt es keine Fotos darüber.

    1. Lieber Herr Albert! Ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Ich bin ja eigentlich fest davon ausgegangen, dass eine oder sogar mehrere unserer StammleserInnen Jonas am Bismarckplatz erlebt haben – offensichtlich war das aber doch nicht der Fall… danke für Ihre spannenden Details zu dieser Geschichte! Wissen Sie noch, wann das ungefähr war?

  3. Lieber Herr Bürgschwentner, leider kann ich mich nicht an eine bestimmte Zeit erinnern.
    Lediglich, dass es in den 50-er Jahren gewesen sein muss. Eher spätere 50-er Jahre.

  4. Der Wal muß wohl noch einmal nach Innsbruck gekommen sein.
    Ich bin Jahrgang 1963 und erinnere mich, dass ich einmal mit meinem Vater in der Weihnachtszeit nach Innsbruck fuhr, „Wal schauen“.
    Das muß so Ende der 60er – Anfang der 70er Jahre passiert sein. Meiner Erinnerung nach war der Wal in der Altstadt, aber vielleicht spielt mir die Erinnerung auch einen Streich.

    1. Ganz richtig, da war nochmals eine Ausstellung, als Aufstellungsort hab ich den alten Marktplatz (Terminal) in Erinnerung. Ich kann mich erinnern, daß ich mit dem Auto hingefahren bin, muß also nach 1966, auch Anfang 70 möglich, gewesen sein.
      Viel war nicht zu sehen, genausogut hätte man einen rundlichen grauen Felsmugel auf der Seegrube anschauen können.

      1. Das deckt sich mit den Erinnerungen des Leiters eines lokalen Archivs, der den Wal ebenfalls in den 1970er-Jahren sah, in Oberösterreich. Er erinnert sich, dass der Wal mit einer Plane umhüllt war und strengstes Fotografierverbot, damit ja der Eintritt bezahlt wurde. Was den Mangel an Bildmateriwal erklären würde.

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