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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Tonkonit Deconstructed

Tonkonit deconstructed

Bei den Forenbeiträgen von Frau Stepanek braucht der Durchschnittsredakteur meistens etwas länger, um die phänomenale Erinnerungsleistung zu verstehen, die jedem ihrer Postings innewohnt. Heute widmen wir uns dank einer Flugblatt-Spende aus Leserkreisen mit der Geschichte des in ganz Innsbruck berühmten Elixiers Tonkonit, das eigentlich schon ab seiner Erfindung sämtliche Sorgen der männlichen Bevölkerungshälfte der Stadt, zumindest jene, die ihr Haupthaar betrafen, für immer beseitigte. Frau Stepanek ist es zu einem Bild des Hauses Hohlweg 8 eingefallen, und die ganze Geschichte ging so:

Erfinder und Produzent des Tonkonit war ein gewisser Ignaz Toninger. Seine Nachkommen hießen dann Tonninger, für Gestrichel und arge Unsicherheit im Amt für Heimatrollenschreibweisenkorrektheit war gesorgt.


Ignaz Toninger stammte aus Skorenovac, einem auch Székelykeve genannten Ort in der sagenumwobenen Region Vojvodina, wo die Familien zuhause Serbisch oder Ungarisch sprachen, auf den Märkten und Ämtern je nach Bedarf Deutsch oder Rumänisch und in der Schule Französisch und Italienisch. Im Jahre 1909 heiratete er in Fiecht die aus Schwaz stammende Maria Straubinger, die zwei Kinder Maria und Reimar kamen 1910 und 1914 in Innsbruck zur Welt.

Ignaz Toninger war Friseur und Erfinder. Sein Produkt, Haushaltsname für alle unter uns, die schon in den 1960ern Medien und die darin enthaltene Werbung konsumierten, war Tonkonit. Die älteste Annonce die wir heute kennen stammt aus dem Mai 1923 und erschien in der Tiroler Bauernzeitung. Ohne aufwändige Grafik sondern nur Text, mit starken Ansagen bezüglich der Wirksamkeit schon bei der ersten Anwendung… es folgten in den nächsten Tagen Einschaltungen in den Innsbrucker Nachrichten, dem Außerferner Boten, der Neuesten Zeitung und der Volks-Zeitung. Sorgen mit dem Haarwuchs kennen kein Stadt-Land-Gefälle und keine Parteizugehörigkeit. Die Werbe-Aktivität, für uns nur Messbar bis in das Jahr 1942, hielt an und so findet man heute gut und gerne 1000 solcher Einschaltungen. Umso überraschender mag es sein, dass beim Flugblatt bescheiden von gerade 2000 zufriedenen Kund:innen gesprochen wird. Inserate erschienen großteils in Tiroler Zeitungen, weniger in den umliegenden Bundesländern, so gut wie keine (außer gezählten sieben Stück im Humorblatt Kikeriki) in Wien.

Wie man auf dem Flugblatt sehen kann, wurde das Angebot zwar nur in der Claudiastraße 16 im eigenen Laden verkauft, die Produktpalette aber ständig diversifiziert. Nissenkiller, Haarfett, Haargeist versprachen Nischenerfolge bei besonderen Anforderungen. Das Flugblatt ist auch ein Gesamtkunstwerk der Matrizen-Technik. Nur wer selbst einmal mit dieser Zettel vervielfältigt hat, kennt die Tücken der kombinierten Schreibmaschinen- und Handschriften-Blocks.


Die Tonningers wohnten zunächst in der Claudiastraße, ab 1928 dann am Hohlweg. In diese steilen Gasse wurde dann die Produktion von Tonkonit verlegt. Der Salon blieb bis in die späten 1950er im Saggen.

Ignaz Toninger war auch in der Kammer aktiv und wurde in den 1930er Jahren Tiroler Innungsmeister der Friseure und Perückenmacher; er starb 1974 in Innsbruck, schon drei Jahre zuvor hatte sein Sohn Reimar das Gewerbe zur Haarwassererzeugung am Hohlweg 8 zurückgelegt. Die Sorgen der Männer zu diesem Thema sind bis heute die selben geblieben.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Zuviel der Ehre, Herr Hofinger!
    Mein Tonninger-Wissen verdanke ich ausschließlich dem genialen Postkollegen Rechnungssekretär, später Wirkl.Amtsrat Franz Nußbaumer, diesem Meisterfotografen bei manchen Eröffnungen postalischer und fernmeldetechnischer Anlagen. Seine Frage:
    „Sagen’S amal – kaffatn Sie oan a Haarwuchsmittel ab, der was selber a totale Glatzn hat wie a Billardkugel? Aber gottseidank sterben ja die Depperten nit aus – weil sonst waar er scho lang verhungert!“
    Ja – das kam damals daher wie ein Maschinengewehrfeuer… Aufgewachsen im noch immer unerforschten Scher(r)er Schlößl. Mit einigen Brüdern. Vater im 1. Weltkrieg gefallen…. Ich darf an den Beitrag „Hoch auf den gelben Wagen“ erinnern – und an seinen Zusammenstoß mit dem Rechnungsdirektor beim (Neujahrs)foto mit Raureif am Inn.

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