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Sebastian Kandlers …

Sebastian Kandlers …

… herausragende Bedeutung als „Hungerburgverwandler“ war schon öfter Thema an dieser Stelle. Daher wenden wir uns heute den weniger bekannten Aspekten seiner Biographie zu.

Der visionäre Gastronom, Hotelier und Fremdenverkehrspionier kam am 16. Juni [sic] 1863 als unehelicher Sohn der Tabakfabriksarbeiterin Maria Graf in Schwaz zur Welt. Bis zu seinem 23. Lebensjahr trug er den Namen seiner Mutter. Erst am 3. März 1886 legitimierte ihn der „Hausirhändler“ Jakob Kandler, den seine Mutter bereits am 4. März 1867 geheiratet hatte, als seinen Sohn.

Der junge Sebastian besuchte die Volksschule und soll sodann einige Zeit im Schwazer Bergbau gearbeitet haben, ehe er mit 1. Oktober 1883 zu den Tiroler Kaiserjägern einrückte. Während seiner Dienstzeit (er hatte sich offenbar für eine Laufbahn als längerdienender Unteroffizier entschieden) war er auch im Trentino stationiert, wo er Marta Margherita Liberata Altadonna (geb. 1862 in Borgo) heiraten sollte. Im Jahr 1889 kam in Riva del Garda Tochter Maria zur Welt; Sohn Alois folgte im Jahr darauf.

Als am 8. Juli 1895 in Hötting ein Großbrand ausbrach, eilten neben den Feuerwehren auch Offiziere und Mannschaften des 1. Regiments der Tiroler Kaiserjäger zur Hilfe, darunter auch der Oberjäger Sebastian Kandler. Dabei zeichnete er sich besonders „durch Unerschrockenheit und Bravour aus. Aus dem Hause Nr. 121 hörte Kandler Hilferufe. Rasch entschlossen und in der Erkenntnis, dass Gefahr im Verzüge ist, stürzte er sich, die eigene Lebensgefahr nicht achtend, in das schon von Flammen ergriffene Haus, begab sich durch die mit Rauch erfüllten Räume in das Stockwerk, wo er das elfjährige Mädchen Hedwig Strigl in größter Lebensgefahr fand. Auf dem selben gefährlichen Wege, auf dem er in das Haus eingedrungen, brachte der muthige Mann das Mädchen in Sicherheit. Diese wackere That hat auch allerhöchsten Orts die verdiente Anerkennung gefunden, indem dem genannten Oberjäger von Sr. Majestät dem Kaiser das silberne Verdienstkreuz mit der Krone verliehen wurde.
Vorige Woche hat nun im Hofe der hiesigen Klosterkaserne die Uebergabe dieses allerhöchsten Ehrenzeichens an Oberjäger Kandler in feierlicher Weise stattgefunden. Hiezu hatten sich Se. kais. Hoheit Herr Erzherzog Ferdinand Karl und der Divisionär FML. Schönaich eingefunden; das Regiment war in Parade ausgrückt. Der Regimentscommandant Oberst Edler v. Steiner hielt, nachdem Oberjäger Kandler vor die Front getreten, an diesen eine kurze, kernige Ansprache. Er beglückwünschte den Oberjäger im Namen des ganzen Regiments zu dieser Auszeichnung und stellte ihn als Vorbild für die jungen Soldaten hin. Mit dem Hinweise auf die Kaisertreue der Vorfahren und dem Tiroler Wahlspruch ‚Mit Gott für Kaiser und Vaterland‘ schloss der Regimentscommmdant seine Anrede und heftete dann das Ehrenzeichen an die Brust des Oberjägers. Auch der Divisionär richtete ncch einige Worte an ihn, worauf das Regiment unter Commando des Oberstlieutenants Frhrn. v. Daublebsky defilierte. Mittags wurde der Oberjäger der Officierstafel zugezogen“, so die Innsbrucker Nachrichten am 25. November 1895. Auf dem Titelfoto trägt er bereits das silberne Verdienstkreuz mit Krone.

Ein gutes Jahr später, am 31. Dezember 1896, beendete Kandler seine Militärdienstzeit. Er übernahm in weiterer Folge die Kantinie in der Klosterkaserne und legte damit den Grundstein für seinen Aufstieg zum Gastwirt, Hotelier und Hungerburgverwandler. „Bekanntermaßen können gut geführte Kasernen-Kantinen zu wahren ‚Goldmühlen‘ werden“ und Sebastian Kandler war offenbar besonders geschäftstüchtig. Prof Hugo Klein erinnerte sich 1964 an diese Zeit: „[…] wir Einjährigfreiwilligen kannten den schneidigen Kaiserjäger-Oberjäger von der Klosterkasernkantine aus, wo wir gar oft seine Dienste in Anspruch nahmen, wenn wir z.B. in der Frühe vor der Kompanieausrückung noch schnell ein Feindesabzeichen, einen Bleitstift, ein Notizbuch oder einen Schwarmpfeil benötigten oder wohl auch die Feldflasche mit einer Halben Rötel füllen ließen, der umsichtige Kantineur hatte alles auf Lager.“

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges rückte Kandler mit 15. Oktober 1914 als „Kriegsfreiwilliger“ wieder als Oberjäger zu seinem Regiment ein. Über seine Kriegserfahrungen und -erlebnisse liegen keine Informationen vor. Mit 31. Mai 1917 wurde er superarbitriert und „als derzeit untauglich auf 6 Monate“ beaurlaubt. Damit ging seine Militärdienstzeit entgültig zu Ende, denn nur wenige Wochen später erklärte ihn eine Kommission „auf unbestimmte Zeit“ für untauglich. Mit 16. November 1918 erfolgte schließlich seine defintive Entlassung aus der Armee infolge der Demobilisation.

Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang der Monarchie bieb Kandler den Kaiserjägern verbunden. So trat er der im April 1922 gegründeten „Ortsgruppe Innsbruck“ des Tiroler Kaiserjägerbundes bei. Auf der untenstehenden Fotocollage ist er rechts unten zu sehen.

Die Mitglieder der Ortsgruppe Innsbruck des Tiroler Kaiserjägerbundes. StAI, NL Kirsch.
Sebastian Kandler in seiner Kaiserjägeruniform (Detailausschnitt).

Ungeachtet der schweren wirtschaftlichen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg, die auch Kandler zu spüren bekam, behielt er sich seinen Unternehmergeist. Noch in „den letzten Monaten vor seinem Tode plante er, trotz seiner schweren Erkrankung, den Einbau eines großen Bierkellers im Damenstiftsgebäude in der Hofkirche, welcher Einbau jetzt auch durchgeführt wird“, so die Innsbrucker Nachrichten am 5. März 1928.

Am 4. März 1928 verstarb Sebastian Kandler im Alter von 65 Jahren in Innsbruck. Er wurde am Wilterner Friedhof beigesetzt. (Todesanzeige aus den IN v. 5. März 1928).

Zum Schluss noch ein Aufruf in eigener Sache: Wenn Sie zufällig den Nachlass von Sebastian Kandler besitzen, oder wissen, wo er sich befindet, freuen wir uns über eine Nachricht unter: post.stadtarchiv@innsbruck.gv.at.

(StAI, Ph-14055 bzw. NL Kirsch)

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