Richard Steidle (XXI.)
Nach dem Ende des Verkehrsstreiks am 19. Juli schrieb der Allgemeine Tiroler Anzeiger:
Wir sind überzeugt, im Namen des überwiegenden Teiles der Tiroler Bevölkerung zu sprechen, wenn wir die musterhafte Bereitwilligkeit der Tiroler Heimatwehren, die in glänzender Disziplin sich zur Bekämpfung des roten Terrors erhoben haben, als ein Ruhmesblatt in der Geschichte Tirols vermerken. Der großzügigen Arbeit, welche der Landesführer Dr. Steidle seit Jahren entfaltet hat, um die Energien unseres Volkes zu wecken, war ein Erfolg beschieden, der denjenigen, die ihre Heimat und ihr Vaterland lieben, aufs dringendste ermuntern muss, diese Arbeit zu unterstützen und zu fördern als ein Bollwerk gegen den Umsturz, der uns gerade in diesen Tagen in grauenerregende Weise bedroht hat.
Nun war freilich die Beschreibung eines Streiks als „roter Terror“ eine leicht hysterische Formulierung, aber es ließ sich nicht leugnen, dass die Heimwehr in Tirol die Aufgabe, für die gebildet worden war, erfüllt hatte. Steidle selbst bezeichnete die Ereignisse als eine „Generalprobe“ für die Heimwehr. Eine besondere Rolle hatte dabei die Technische Nothilfe der Heimwehr gespielt, denn durch sie war die Aufrechterhaltung des Bahnverkehrs und des Betriebs der Kraftwerke ermöglicht worden. Aus diesem Grunde sprach Steidle ihr „den tiefgefühlten Dank aus. Die Landesleitung weiß, dass dieses aber nicht nur ihr Dank und der aller Heimatwehrkameraden in Stadt und Land ist, sondern derjenigen aller nicht von klassenkämpferischen Diktaturgelüsten verführter Tiroler Volksgenossen“
In Folge der Unruhen begann auch der Schutzbund sich stärker zu bewaffnen. Die christlich-soziale Presse sah darin die unmittelbaren Vorbereitungen für einen ausgewachsenen Bürgerkrieg – dabei bequem vergessend, dass sich die Heimwehren seit 1920 mit Waffen eindeckten, inklusive Maschinengewehren und Artillerie. Die Heimwehren begannen nun auch selbstbewusster aufzutreten – als „neuer Faktor im Staate“, wie es der Allgemeine Tiroler Anzeiger formulierte. Eine sehr anschauliche Demonstration davon findet sich in einer Depesche, die in eben jener Ausgabe des Anzeigers abgedruckt wurde:
Telegramm der Bundesleitung der alpenländischen Heimatwehren an Bundeskanzler Seipel in Wien, I., Bundeskanzleramt
Im Namen sämtlicher alpenländischen Heimatwehren ersuche ich, allen etwaigen Versuchen, die Schuldigen der Ereignisse vom 15. Juli in Regierung zu nehmen, unbeugsamen Widerstand entgegenzusetzen. Heimatwehren müssen sonst Maßnahmen folgenschwerster Art ergreifen.
Während also vor den Bürgerkriegsplänen der Sozialdemokraten gewarnt wurde, drohte Steidle dem christlich-sozialen Bundeskanzler Seipel unverblümt öffentlich mit einem gewaltsamen Putsch – oder was auch immer man unter „Maßnahmen folgenschwerster Art“ verstehen mochte – wenn dieser nicht die von ihm gewünschte harte Linie fuhr. Diese offene Drohung war auch insofern verwunderlich als Seipel keineswegs die Absicht hatte, die Sozialdemokraten in die Regierung zu holen. Im Gegenteil, die sozialdemokratische Presse bezeichnete ihn ob seines Kurses als den „Kanzler ohne Milde“ oder auch den „Prälaten ohne Milde“. Es gab zwar Zeitungsberichte über „gut informierte Persönlichkeiten“, die über solche Überlegungen berichteten, aber mit diesen Gerüchten war es an Beweisen auch wieder zu Ende. Vielleicht war Steidle wegen diesen Berichten wirklich beunruhigt, möglicherweise wollte der Führer der Heimwehr, die allein in Tirol bereits 16.000 Mitglieder zählte, auch einfach seine gestiegene Autorität zur Schau stellen.
(Titelbild – Pamphlet gegen die Regierung Seipel, Signatur VO-1625)