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Re-photography, Richtig Gemacht

Re-photography, richtig gemacht

Wenn Sie darüber nachdenken, ob sie mit der selben Besetzung ein altes Foto nachstellen wollen, überlegen Sie bitte nicht lange: Man kann sich als Betrachtende*r auch noch Jahrzehnte später über den Witz und die Selbstironie freuen, auch wenn man niemanden oder nur eine Person auf dem Bild gekannt hat.

Das Bild oben zeigt eine amerikanische Familie auf den Treppen zu ihrem Haus in Baltimore, Maryland, USA. Es ist die Familie Glaser, Kurt Glaser MD und seine Frau Susanne mit ihren vier Buben. Kurt Glaser lebte von 1915 bis 2009 und war für die Erforschung der Innsbrucker jüdischen Gemeinde der Zwischenkriegszeit eine Schlüsselfigur. Nicht nur, dass er viele alte Bilder seiner Familie und der Aktivitäten der jüdischen Jugend in Tirol aufbewahrt hatte, er konnte sich auch noch in den 1990ern an jeden einzelnen Namen auf jedem Gruppenfoto erinnern. Das war für die biographische Forschung damals von unschätzbarem Wert. Kurt Glaser wurde 1915 in Wien geboren, obwohl die Familie zu diesem Zeitpunkt bereits in Innsbruck lebte; sein Vater Richard war zu dem Zeitpunkt wie viele jüdische Tiroler Männer schon in den Ersten Weltkrieg eingerückt. Die Glasers waren in Innsbruck gut in die jüdische Gemeinde integriert und Kurt, der Mann auf dem Bild oben, wurde zu einem Führer der zionistisch orientierten Jugend der Stadt. Aus einem Album, das Felix Adler 1938 mit auf die Flucht nach Palästina genommen hat, stammen die beiden um 1930 entstandenen Bilder von der Hungerburg: Die Leitfigur Kurt Glaser und die vergnügt für den Fotografen herumblödelnde jüdische Jugend Innsbrucks in Lederhosen und Dirndln.

1928 wurde Kurts Vater Richard Glaser zu einer Schlüsselfigur in den Innsbrucker Halsmann Prozessen, weil er, so wird es erzählt, die nach dem Tod ihres Gatten und der Verhaftung ihres Sohnes orientierungslos in den Straßen von Innsbruck herumirrende Gattin Max Halsmanns ansprach und sie und ihre Tochter die nächsten Jahre moralisch und finanziell unterstütze.

1933 übersiedelte Kurt Glaser nach Wien. Er flüchtete 1938 kurz vor dem Abschluss seines Medizinstudiums in die Schweiz, wo er in Lausanne die Rigorosen ablegen und dann in die USA auswandern konnte. Die Geschichte seines Vater Richard, der 1939 in Wien hingerichtet wurde, hat er seinen Kindern nie in voller Länge erzählt. Die haben sich erst in den 2010er Jahren an die Innsbrucker Gemeinde gewandt. Jede Generation entdeckt zu einem bestimmten Zeitpunkt die Familienforschung neu; die Archive der Religionsgemeinschaften, der Städte, der Universitäten, der Länder, des Bundes freuen sich darüber und helfen bei der Suche, so gut es geht.

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