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In San Gimigniano Dei Poveri

In San Gimigniano dei Poveri

Richard Müller ist in die Beletage des Hauses Andreas-Hofer-Straße 19 gegangen, um dieses Bild zu machen, heute wohnt dort ein stadtbekannter Anwalt und Menschenfreund. Er hat an diesem Junitag (erkennbar an den letzten Schneeflecken am Sattel) die frühe Stunde genützt, in der der Gasthof Pinzger ganz im Sonnenlicht erstrahlt. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, an diesem Eck jeden Tag zwei Mal vorbeikommt, für den gibt es da viel zu entdecken. Ganz rechts die Villa Paradies, im Haus der Familie Knapp werkt der Installateur Rapp, dahinter sieht man das Firmenschild des Branntweinbrenners S. Schindler. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite der Andreas-Hofer-Straße viele Markisen und ein Geschäft, das bis heute an der selben Stelle in gleichen Dingen handwerkt und handelt. Wissen Sie welches?

Sollten Sie bis hierher keinen Hinweis auf den Titel des Artikels erkannt haben, dann liegt das daran, das diese hoch fliegende Anspielung erst jetzt näher besprochen wird. Es geht um das Phänomen der Innsbrucker Türme-Architektur auf Gründerzeithäusern. So wie man San Gimignano das Manhattan der Toskana nennt, so befinden wir uns hier offenbar im San Gimignano der Alpen. Bei einem Spaziergang in Wilten West, wo die meisten Häuser zwischen 1890 und 1910 entstanden sind, stellt man sich ständig die Frage, welche Funktion außer der Zurschaustellung von Reichtum und gesellschaftlicher Bedeutung diese Türmchen jemals gehabt haben mögen. Bei den heutigen Hausbesitzern sind sie nebenbei höchst unpopulär, weil das Denkmalamt auch sieben Jahrzehnte nach dem Krieg die Wiedererrichtung einfordert, wenn sie dereinst bei Bombentreffern beschädigt wurden. Fast alle dieser an moskowitische Zwiebelchen oder präkolumbianische Pyramidelchen en miniature gemahnenden Dachfortsätze haben keine Fenster und werden im besten Fall von Tauben bewohnt. Was haben sich die vier Innsbrucker Baumeisterfamiglien (i loro nomi ben conosciuti Maia, Retta, Frizz, Uter) dabei gedacht, wenn sie wieder so eine torretta in ihren Fassadenentwurf mit aufgenommen haben? Die pure Lust an der Gestaltung kann es nach Prüfung der Bestandes irgendwie auch nicht gewesen sein.

Ohne das profane Fachchinesisch der Innsbrucker Bände zur Kunsttopographie vollständig imitieren zu können erkennt man hier einen fensterlosen, von vier Scheinsäulen getragenen Eckturm mit einer leeren Apsis, die ihrerseits zur Straße zwei Säulenimitate unter einem falschen Bogen präsentiert. Darüber eine in faux stuc ausgebaute Halbrosette, über der ein bestenfalls pubertär ausgearbeiteter Phallus zu thronen scheint und vielleicht seinerseits auf die weiter oben angebrachte florale Tellerapplikation verweist, die ihrerseits einen pagodialen sobre-torre-atico schmückt, dessen Helm in mehreren gestalterisch wenig harmonierenden Etagen über einer Amphore eine Windrose trägt und endlich nicht mehr ganz ins Bild passt, weil man eh nicht wissen will was noch ganz oben drauf wäre. Vor Ort können wir es auch nicht überprüfen, weil das Haus nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut worden ist.

Als gelernter Katholik hat man ja verinnerlicht, dass Weihrauch, Pomp und Deko ein wichtiger Teil der Befindlichkeit sind und man nicht alles calvinistisch auf seine Funktion prüfen muss. Wahrscheinlich sind die Bergfriede der Wiltener Schluchten also einfach das Siegeszeichen des wohlhabenden liberalen Bürgertums der Stadt über das überholte Turmarchitekturmonopol der Kirche: Wir machen es, einfach weil wir es können.

(Collezione Riccardo Muler, RM-Pl-1423)

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare
  1. Am Hause Nr. 18 hängt auf diesem Bild eine Uhr als Reklameschild. Vielleicht ist es ja dieses Uhrengeschäft, welches bis heute besteht.

    Die Tabakverschleißstelle bzw. tabaccheria im Hause Nr. 12 könnte damals vielleicht auch schon bestanden haben.

  2. Ganz links am Erker des Eckhauses Schöpfstraße 15 sieht man gerade noch ein Firmenschild mit der Aufschrift „C. Kerbler“, welches auf die Porzellan- und Steinguthandlung Karl Kerbler verweist.

  3. Zumal auf der Seegrube bereits die Station der Nordkettenbahn zu erkennen ist, wird das Bild wohl frühestens im Juni 1928 aufgenommen worden sein.

  4. Sinn und Zweck solcher Erker und Türmchen ist zum Einen sicherlich, den materiellen Status und Reichtum der Hausherren zur Schau zu stellen.

    Zum Anderen dienen solche Türmchen auch der vertikalen Gliederung des Straßenbilds, was besonders bei langen und monotonen Häuserzeilen wie in der Andreas-Hofer-Straße vorteilhaft ist.
    Der Architekt Adolf Loos formulierte dies in seinem Essay „Heimatkunst“ von 1914 wie folgt:
    „Die vertikale gliederung zerschneidet die langen straßenfronten und gibt dem auge ersehnte ruhepunkte.“

    In Wien war es sogar so, dass die Baubehörde auf eine reichhaltige Fassade großen Wert legte. Zu schlichten Bauprojekten wurde in manchen Fällen sogar die Baubewilligung versagt, wie Loos es beschreibt:
    „Erst in diesem sommer wurde der bau eines familienhauses in Hietzing von der kommission laut protokoll mit folgenden worten zurückgewiesen: Die fassade läßt malerische ausgestaltung vermissen, wie dies in dieser gegend durch anbringung von dächern, türmchen, giebeln und erkern zu geschehen pflegt. Wegen dieser mängel wird die baubewilligung nicht erteilt.“

  5. Bei einer Stadtführung in Berlin hat man mir auf meine Frage zu solchen Türmchen, (die auch hier vorhanden sind) erklärt, es ist eine reine Orientierungshilfe. Man soll erkennen, wo sich diese Türmchen befinden ist die nächste Kreuzung. Ich hab`s kontrolliert und es hat in Berlin gestimmt. In alt Innsbruck muss ich der Sache erst nachgehen.

  6. Herr Hofinger, Ihre Beschreibung ist köstlich – hat mich zum Schmunzeln gebracht und das heutige Schlechtwetter kurzzeitig vergessen lassen. Mi piace molto, grazie!

  7. Lieber Niko, es mag sein, dass die Besitzer hier ihren Wohlstand präsentieren wollen. Aber als Passant gehe ich einfach lieber durch Straßen mit Weihrauch, Pomp und Deko, als in den neueren Stadtvierteln wie O-Dorf, Reichenau oder Höttinger Au. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir da anders geht.

  8. Gut möglich, dass sich die Hausbesitzer mit immer noch protzigeren Verzierungen gegenseitig übertrumpfen wollten.

    Das mit dem „Siegeszeichen des wohlhabenden liberalen Bürgertums der Stadt über das überholte Turmarchitekturmonopol der Kirche“ ist im Fall von ein paar dutzend Erkertürmchen vielleicht etwas weit hergeholt.

    Die originelle Formulierung trifft vielleicht noch am ehesten auf den Turm des Wiener Rathauses zu. Auf Wunsch des Kaisers durfte der Rathausturm nicht die 99 Meter in die Höhe ragenden Türme der nahe gelegenen Votivkirche übertreffen. Der Baumeister hat diesbezüglich zu einer raffinierten List gegriffen und dem bloß 98 Meter hohen Rathausturm eine 3,40 hohe Figur, den Rathausmann, aufgesetzt.

    Interessant wäre, wie das in Innsbruck ist.
    Ob also der 51 Meter hohe Stadtturm die Türme der Stadtpfarre St. Jakob überragt oder nicht. Auf die Schnelle waren diesbezüglich keine Höhenangaben zu finden.
    Es gab ja im 19. Jahrhundert sogar Pläne, das Goldene Dachl zu einem Rathaus mit Rathausturm umzubauen. Dieser neue Turm hätte wie in Wien vielleicht auch niedriger als die Kirchtürme errichet werden müssen.

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