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Herbsttage Im Kühtai – Teil II

Herbsttage im Kühtai – Teil II

Wir haben unsere drei Freunde vorgestern beim wohlverdienten Abendessen verlassen und treffen sie nun bei der Planung für den nächsten Tag wieder:

Zum großen Leidwesen von Fritzl war abends die Parole „ungehindertes Ausschlafen“ ausgegeben werden. So saßen wir denn auch um 10h noch beim Frühstück, das eigentlich auf dem Dache bis Mittag fortgesetzt wurde. Erst nach und nach konnten wir uns an den Gedanken gewöhnen, daß wir heute das uns so lieb gewordene Haus verlassen mußten und das Einpacken ging nicht ganz ohne Seufzen und Winseln vor sich. Nach einen [sic] tadellosen Abschiedsfraße (Omeletten und Maibutter mit Butterteigschnitten) setzten wir uns dann in Bewegung um 2 1/2 h nach sehr herzlichem Abschied von Frl. Hell. Nach einem strammen Dauerlauf kamen wir um 1/2 6 Uhr in Gries an, wo wir uns noch ausgiebige Kost und Kaffee gönnten. Dann ging’s weiter, nun schon bei vollständiger Dunkelheit. Weich war die Straße, sehr weich, und scheint’s frisch geschottert, was uns stets von neuem Anlaße bot zu mehr oder weniger anmutigen Hopsen und passenden Geleitworten. Es war ein richtiger Eilmarsch, was wir da aufführten und, wie die Folge zeigte, auch sehr notwendig, denn wir kamen knapp vor Abgang des Zuges in Kematen an; verstauten die Schier u. los ging’s. Nun war d. Abschied von Kühtei schon überwunden und 3 sehr sensationslüsterne Turisten [sic] stiegen wir in Wilten aus, denn viele Gerüchte waren zu unseren Ohren gedrungen und wir waren äußerst gespannt darauf nun auch zu sehen. Doch unsere Neugierde wurde nicht befriedigt, alles war dem ersten Anscheine nach wie sonst und so stieg ich bald in die Elektrische ein, die mich sicher nach Hause brachte.

Damit ging dieser denkwürdige Herbstausflug zu Ende. Bemerkenswert scheint die selbst in den letzten Kriegstagen des Jahres 1918 immer noch gute Versorgungslage im Kühtai (Omlette, Butterteig, etc.), während sich in Innsbruck schon längst der Hunger breit gemacht hatte. Nicht weniger erstaunen mag, dass drei junge Menschen in diesen – für die österreichische und europäische Geschichte schicksalhaften Tagen – ihre Schier, Eispickel und Rucksäcke hervorholten, um einen Ausflug in die Bergwelt zu unternehmen. Das versteht man wohl unter Resilienz …

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, KR-PL-2025 / Text: Tourenbuch Gabriele Stricker, Privatbesitz)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Meine Bewunderung gilt der in der heutigen Zeit nahezu unglaublichen körperlichen Leistung, wobei man nicht den Eindruck einer professionellen Sportlergruppe hat, drei Freunde marschieren schwerbepackt mit langen Holzschiern unter lustigen Ausrutschern auf Eis von Silz nach Kühtai, besteigen am übernächsten Tag den Finstertalerfernerkogel – wie ich annehme, erwähnt wird der Gipfel beim Namen nirgends – und kehrt unter lustigem „Sternreissen“ in die Unterkunft zurück. Tags darauf marschiert man nach dem Mittagessen die 23 km nach Kematen, wobei in Gries seelenruhig trotz drohender Dunkelheit erst einmal eine Jause konsumiert wird, dann bei völliger Dunkelheit (damals WAR es in der Nacht dunkel, und am 3. November 1918 noch dazu Neumond) zum Zug, der mit dem Glück der Tüchtigen auch noch grade erreicht wird. Sonst wär man vermutlich halt auch noch nach Innsbruck gehatscht.

    Daß die jungen Leute den Ausflug in die Natur einer grüblerischen Betrachtung der Weltgeschichte vorzogen, kann ich ihnen nicht verdenken. Die heutige Jugend würde es (allerdings wenigstens mit Mountainbike) ebenso machen. Was hätten sie auch tun sollen? Dem Doppeladler das müde Haupt tätscheln?

    P.S.: Im ersten Teil oder Theile wird das Sternreißen, also Stürzen, mit dem Dialektwort „tschechern“ beschrieben. Heutzutage zwar auch schon fast nimmer in Gebrauch, kenne ich die Bezeichnung für einen ordentlichen Umdruck, wenn nicht Besäufnis, wenn man so will. Gibts da einen aufklärenden Kommentar?

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