skip to Main Content
#bilderschauen --- #geschichtenlesen --- #gernauchwiederimarchiv
Herbsttage Im Kühtai – Teil I

Herbsttage im Kühtai – Teil I

Donnerstag, 31. Oktober 1918: An der Südwestfront tobt seit einigen Tagen die letzte Offensive, die österreichisch-ungarische Armee befindet sich in Auflösung und mit ihr die multinationale Habsburgermonarchie. Während an diesem Tag die österreichisch-ungarische Waffenstillstandskommission die italienischen Linien überschreitet, brachen in Innsbruck drei Freunde auf, um einige friedliche Tage im Kühtai zu verbringen. Zu ihnen gehörte auch meine Urgroßmutter Gabriele Stricker (1897-1989). In ihrem Tourenbuch schildert sie diesen ungewöhnlichen Ausflug mit spitzer Feder:

Kühtei 31. Okt. – 3. Nov. 1918

Nach erbitterten Kämpfen mit Vatern ging ich doch mit Pickel etc. bewehrt dem Bahnhof zu wo mich die beiden Andern erwarteten. Mit 1 1/2 stündiger Verspätung führte uns der 11h Zug nach Silz. Die Verwunderung aller über die Schier war groß denn bis ganz hinauf waren die Hänge aper. Dich unsre Laune litt dadurch nicht und recht fidel walzten wir den steilen Weg aufs „Sattele“ hinauf. Nach mancherlei Fährnissen (Eisblasen, Rutschpartien, etc.) langten wir endlich droben an bei anbrechender Dunkelheit. Eine kurze Rast frischte uns wieder auf und nun folgten wir stundenlang dem fast ebenen Weg nach Kühtei, wo wir um ca 9h die bereits schlafende Wirtschafterin heraustrommelten. Ein feiner Glühwein und Schmarrn waren der Lohn unseres Tschachs und erst um 12h krochen wir ins Bett.
Trotz herrlichsten Wetters lagen wir alle bis in den Vormittag hinein in d. Kiste; erst um 10h versammelten wir uns zum Fraße, und unser ganzes Tagwerk bestand darin, faul, recht erzfaul zu sein und zu essen. War aber sehr angenehm in der Sonne auf dem Verrandadache zu liegen, rauchend und singend!
Nächsten Morgen aber ging’s los. Um 7 1/2 h bereits wanderten wir mit den Brettern auf den Schultern dem Finstertaler Seen zu. Ein kleines Stück oberhalb des 2ten Sees schnalten wir an und spurten in großen Windungen gegen den Wasserfall hin, der vom Finstertalferner herabkommt, daran links vorbei, über steile Hänge nach rechts hinüber. Bereits in gleicher Höhe mit dem unteren Teil des Ferners, doch am gegenüberliegenden Hang, trugen wir die Bretteln ein bißchen über loses Geröll empor, querten dann zum Ferner hinüber und nun ging’s schnurgerade über den sanftgeneigten Ferner empor, dem Schneebecken rechter rechter Hand zu.

Finstertaler See, um 1920.

In etwa halber Höhe zum Grate hinauf schnallten wir ab und begannen senkrecht über leichten Felsen den eigentlichen Aufstieg. Etwa 1/2 Stunde nachher konnten wir den Gipfel betreten. Es war eine herrliche Rundsicht, die sich uns darbot; die klare Luft des wolkenlosen Herbstages erschloß uns die äußersten Grenzen des Horizonts. Doch trieb uns eisiger Wind bald von unserer Warte und wir suchten und fanden auch bald ein windstilles Fleckchen, wo wir uns häuslich niederließen, Suppe kochten und den Rucksack von Reßler sehr erleichterten.
Nur zu bald schlug die Abschiedsstunde, denn schon lag der ganze Gletscher im Schatten. Um 4h langten wir dann auch wieder bei den Bretteln an und bald saußten wir durch den herrlichen Pulverschnee dahin, den sanftgeneigten Ferner hinab, d.h. von „saußen“ konnte man nur bei Reßler reden, Fritzl und ich tschecherten, besonders weiter unten auf den ziemlich steilen Schneebrettern nicht wenig. Doch was machten uns die verschiedenen „Sterne“? Unter Lachen und Schimpfen rappelte man sich wieder auf und weiter gings. Im Großen und Ganzen heil und frisch kamen wir gegen 5h beim oberen Finstertaler See an. Nun hatte das Fahren ein Ende und schön gemütlich trotteten wir dem Tale zu. Die Dunkelheit war aber schneller als wir und da gabs noch manchen Fall und mancher nicht ganz salonfähigen Kraftausdruck fand den Weg über unsre Lippen, wenn Eisblasen den Weg ungangbar machten oder wir zwischen den Felstrümmern Spalten und Löcher entdeckten, leider erst immer, wenn wir drinnen fest verkeilt waren. Umso schöner war dann die gemütliche Stube im Kühtei und das opulente Abendessen.

To be continued …

(Foto: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-36334 & KR-PL-2024 / Text: Tourenbuch Gabriele Stricker, Privatbesitz)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Der Tourenbericht ist umso interessanter, wenn man bedenkt, dass exakt zur selben Zeit wie diese Skitour die Spanische Grippe in Tirol grassierte. Meine Urgroßmutter, Jahrgang 1890, ist am 4. November 1918 mit 28 Jahren an der Spanischen Grippe verstorben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back To Top
×Close search
Suche