skip to Main Content
#bilderschauen --- #geschichtenlesen --- #gernauchwiederimarchiv
Gleich Beginnt Die Moderne

Gleich beginnt die Moderne

Es ist 20 Minuten vor vier Uhr in dieser Innsbrucker Küche und man spürt förmlich, dass hier gleich die Moderne beginnen wird. Im besonders gewissenhaft geputzten Raum begegnen uns einige langjährige Begleiter aus Zeiten, als Stadtwohnungen nicht ganz anders funktionierten als vertikale Bauernhäuser. Der Holzherd ist noch angeschlossen aber offenbar meist stillgelegt. Seine Oberseite ist jetzt mit einem glänzenden Brett aus Pressholz zur Ablage und Arbeitsstätte der Elektroplatte geworden; daneben glänzt eine italienische Espressomaschine.

Über dem Esstisch hängt kein Kruzifix mehr, sondern wohl auch von den ersten Fahrten über den Brenner mitgebrachte Souvenirteller und tönerne Karaffen mit landesüblichem Dekor. Im Eck der Bank liegen drei regelmäßig konsultierte Telefonbücher. Der alte Tisch wurde mit einer sachlich-schlicht gemusterten Stoffdecke dekoriert. Darüber hängt eine einfache Glas-Lampe am Teleskopkabel, die hier auch hilft, die Szene auszuleuchten.

Auf dem Tisch steht nichts, was auf ein baldiges Mahl oder das Eintreffen von Gästen hinweisen würde. Natürlich fragt man sich ein wenig warum Jörg Thien hier mit seiner Blitzlampe diese Szene festhalten wollte. Der Verdacht liegt nahe, dass das ein Abschiedsbild ist: morgen schon könnten hier die Handwerker kommen und als erstes die verschiedenen Linoleumböden des Raumes herausreissen. Ob der grüne Schrank, der viele Jahre gute Dienste geleistet hat, hier in die neue Küche passen wird, ist noch offen. Die mechanische Küchenwaage darf bleiben, sie ist unverwüstlich wie das daneben platzierte Bakelitradio offenbar auch. Ganz vorne am rechten Bildrand deutet ein neuer Kühlschrank an, wohin die Reise geht. Beim bunten Fotokalender darüber werden die Monate der Vergangenheit heruntergerissen und stets gleich vergessen. Hier wartet eine goldene Zukunft darauf, die Szene zu übernehmen.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare
  1. Ja – fast genau so hat es in unserer Küche ausgeschaut. Auch wir hatten solch einen riesigen Herd, nur wurde er bis zum Auflassen des Haushaltes meiner Tanten in den Siebzigern immer noch voll benützt. Beheizt mit Holzscheiteln, mit Ringen, die man je nach verwendeten Topf und benötigter Hitze herausnehmen konnte und links das Wassergrandl fürs heiße Wasser. Die Küche besaß nicht nur keinen Boiler, auch das Wasser war im Hausgang draußen, dafür stand neben dem Herd ein Kübel mit einer Gatze drinnen. Die ‚Espressomaschine‘ für den Nachmittagskaffee für die Tanten war eine richtige, einfache, ‚eckige‘ Italienische (sonst gab es ja nur Filterkaffee) und irgendwann kam sogar so eine elektrische Kochplatte vom Gerätewerk Matrei ins Haus, fürs Schnelle.
    Die Sitzecke mit dem Tisch war bei uns größer, schließlich waren da ja einmal neun Kinder zu ernähren (vor meiner Zeit natürlich), der Wandschutz war genau gleich – eine geflochtene Matte und so halbrunde Leisten aufgenagelt, die Uhr eine alte Pendeluhr mit römischen Ziffern (die ich einmal mit einem Tintenbleistift nachmalen musste, da sie verblasst waren) und Aufzuggewichten. Statt dem Kasten hatten wir schon eine Kredenz mit Glastüren im Aufsatz, das Radio war noch älter, die Waage gleich.
    Erst sehr spät tauchte ein Kühlschrank auf. Vorbild war eine Tante (die Frau vom Bildhauer Franz Roilo in der Pradlerstraße 31a) von der es schnell nach dem Krieg einmal hieß, sie habe einen Kühlschrank bekommen! Natürlich musste man dieses Wunderding besichtigen. Es stand im Hausgang und im unteren Teil war ein Fach, in das ein Eisstück hineingelegt werden musste, natürlich darunter mit einem Wasserbehälter. Dieses Eis bekam man als Teil eines (genormten?) Eisblocks, den man beim Bürgerbräu holen konnte oder, wenn man gute Beziehungen zu einem Wirt hatte, von diesem bekam.

    Firlefanz an der Wand gab es bei uns keinen, außer einem Abreißkalender. Aber dafür selbstverständlich ein Kruzifix in der Essecke!!
    Risse in der Wand hatten wir auch! Sie stammten vom Bombeneinschlag in unserem Hof beim Nachtangriff im April 1945.

  2. Man beachte das zweite Rauchrohr, welches nach kurzem Verschwinden in der Mauer wieder zutage tritt und noch so 2 Meter lang zur Heizung beitrug.

    Der Kühlschrank mag noch ein „Absorber“ gewesen sein, der im Gegensatz zum Konkurrenzprodukt „Kompressor“ keinen Motor besaß. Heute gibt es diesen Typ nur mehr für die Minibar oder gasbetrieben fürs Camping. Mit dem Absorber konnte man nicht tiefkühlen, was a la long den Kompressor zum Standard werden ließ.

    Unserer, Marke Alaska, wurde anläßlich einer echten 49 Grad Hitzewelle Mitte der 50er beim Nemec auf Raten angeschafft, hatte 25(!!) Jahre Garantie und hielt locker bis in die 80er hinein.

    1. ERRATUM: Also entweder 40 Grad oder 39 :-). Jesses.

      Ein Gustostück ist auch die Espressomaschine. Die Form könnte das Modewort Kult verdienen. Direkt aus einem Science Fiction Roman. Oder eben zu Metall gewordene Italianitá. Jedenfalls etwas Raffinierteres als die primitive Dampfquetsche von Bialetti. Das Wasser wurde über den Stutzen am geschwungenen Rohr eingefüllt, der schwarze Verschluß liegt bereit. Kaffee in das Sieb, oben angeflanscht, und – dann? Auf die Kochplatte gestellt oder heizte die Stellfläche? Kennt jemand dieses Modell?

      1. Nein Herr Hirsch, kenn ich nicht – so ein Modell wäre meinen Tanten zu unheimlich gewesen, wir hatten nur die primitive Bialetti Dampfquetsche und mit dieser gab es oft genug Unannehmlichkeiten, z.B. wenn sie nicht genug zugedreht oder überfüllt war oder sogar das Wasser vergessen wurde!!
        Aber sie werden lachen: Vor zwei Wochen ging unsere Saeco-Maschine ein und wir holten vom Keller die Bialetti herauf! Der Kaffee schmeckt großartig!

        1. Oh danke! Darf ich noch einen zweiten Link anbieten https://www.wikiwand.com/en/Atomic_coffee_machine

          Das führt automatisch zu einer weiteren Erinnerung aus dieser Zeit. Damals grassierte das Wort Atom als Namensteil für nahezu alles und jedes. Es gab Atom Gießkannen, Atom Kugelschreiber, Atom Feuerzeuge und weiß Gott was noch Atom alles. Und alle Atome hatten diesen futuristischen Schwung.

          Es freut mich jedenfalls,daß das unbeabsichtigte Rätsel gelöst ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back To Top
×Close search
Suche