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„Fürwahr Kein Vergnügen“ – Teil 8

„Fürwahr kein Vergnügen“ – Teil 8

Als ich Ende Juli 2021 den letzten Beitrag in dieser Serie eingestellt habe, hatte ich nur wenig Hoffnung, dass es eine Fortsetzung geben würde, gibt es doch heute doch nur mehr wenige Menschen, die die Gabelsberger-Schrift lesen können. Zu meiner großen Überraschung und Freude meldete sich jedoch einige Wochen später die Historikerin Sieglinde Lechner – dem ein oder anderen vielleicht durch ihre Publikation zum Notgeld ein Begriff – und erklärte sich bereit, die restlichen Tagebucheinträge zu transkribieren. Und so erhalten wir nun doch noch Einblicke in den Alltag, die Erfahrungen und Wahrnehmungen des Kaiserjägers Josef Gruber (1899-1967) in der Zeit vom 16. Mai bis zum 31. Juli 1918.

Vom 15. auf 16. V. ging ich mit 4 Mann, die die Fassung trugen, auf FW [=Feldwache] – dort traf ich einen Fhr. [=Fähnrich], einen alten Schulfreund von mir – Herbst Max [Maximilian Herbst, geb. 1899, Einjährig-Freiwilliger im 2. Regiment der Tiroler Kaiserjäger] – der FW stieg in die Foxi-Schlucht – es ist dort eine sehr nette Bude – um 1h Nacht kehrte ich wieder mit Obr. [sic] v. Barbitza zurück und schlafe 5h – in der Nacht habe ich meist Dienst – ich schlafe meist von 5h vorm. an bis in den Vormittag hinein – am 18.V. so um 6h Nachmittag traf ich meinen besten Freund Fhr. Haas, beim alten Franz – es lässt sich denken, was wir beide für eine Freude hatten – er war der Maschine[ngewehr ?] zugeteilt und ging in die Stellung zur 1. Comp. hinauf – um ½ 10 h mit Lt. Brüll zu unserer Feldwache mit Fassung – gleichzeitig übernahmen wir schon den Dienst – denn am 17.V. in der Nacht lösten wir die Feldwache ab – sehr nett – unter uns Schluchten, welche wir leicht beherrschen konnten – Wetter schön – legte mich oft in die Sonne – oft schoss der Feind auf den Monte Testo – dann bekamen wir die … [?] auf der Kompanie – man sah Kavernen in den Felsen eingebaut, in denen unsere Geschütze aufgestellt waren und die der Feind vergebens beschoss. Ich kam mit Utj. [= Unterjäger] Fritz zur FW 2. – Menage erhalten wir von der FW 1, wo Lt. [Fritz] Brüll, der Kmdt. von FW 1 und 2 weilt –  heute bereits 21.V. noch kein Paket und keine Post auf neue Adresse – unsere Unterkunft in der Kaverne sehr nett und warm – ganz gemütlich und genug Platz – es waren außer mit uns zwei Chargen noch 3 Jäger zum Dienst machen –  ca. 600 m unter uns in der Schlucht liegt die feindliche FW – für den Feind sehr schwer zu uns zu kommen, da alles Schluchten – mit Handgranaten leicht zu beherrschen – 21.V. Abend – Kampf heute ganz bestimmt – Nachricht von zuhause und auch das Paket – dann gegen 10h Nacht mussten wir die Fassung von der FW1 holen – auch meine Off. Menage für Abend kam mit – ein Spätangriff außen – am 22.V. Abend endlich Post erhalten von zuhause und Frau Kuprian – habe mich wirklich sehr gefreut – Paket, das meine lieben Eltern schon am 13.V. abgeschickt haben, noch nicht bekommen – auf FW nichts Neues – am 23.V. sehr heftiges akutes Feuer des Feindes – abends ging ich zur FW1 ab – E.F. Ptf. Tentschert [?] musste mit mir tauschen – nette Bude – bei Tag hell – habe stark Bauchweh – bin ganz hin – Paket wieder nicht bekommen – schlafe in der Nacht nicht – am 24.V. von 2h Vormittag Dienst bis 8h – dann geschlafen bis 1h … [?] und mit 2 Lt. in seiner Bude zu Mittag gespeist und auch Wein vom Lt. [=Leutnant] bekommen – dann ging ich mit seinem Feldstecher beobachten – ich betrachtete den Corno und die ¤ 1801 – wo ich genug getschechert [sic!] hatte – alles ruhig – dann suchte ich das Terrain nach der feindlichen FW ab, wo sie bestimmt zu finden war – denn es rührt sich nichts was [sic!] während der Stunde, in der ich beobachtete – am 24.V. Abend endlich das Paket von zuhause erhalten – große Freude – Wetter immer sehr schön – Dienst immer von 2 – 8h Vormittag und von 2 – 8h Nachmittag (sic!) – jetzt erst bekommen wir auch Wein – 1 Liter für 2–3 Tage – Menage ganz gut, aber der alten Off. Menage nicht entsprechend –
28. V. heute zum ersten Mal Schlechtwetter – es hat geschneit – die FW 2 wird abgelöst durch T.J.2., welche mit 9 Mann die FW übernahmen -ich habe es jetzt bei der FW 2 sehr nett – Mittag 6h Dienst – auch Lt. Brüll ist sehr nett und gemütlich – zu Mittag um 1hund abends, wenn die Fassung gekommen war, aßen wir beide, ich und E. F. Ptf. Tenschert bei ihm in seiner Bude – nach dem Essen unterhielten wir uns meist sehr lang mit ihm über alles Mögliche – zu Hause alles gesund – erhielt Nachricht, dass meine Eltern meinen Freunden geschrieben haben aus Angst, weil sie von mir vom 7. – 19. V. nichts gehört haben – ich habe die erste Karte an sie am 15. V. geschrieben, die sie am 19. V. erhielten und war froh, als ich dies hörte, denn mir lag sehr viel daran, meine Lieben zu Hause beruhigt zu wissen.

Neben den Einblicken in den Frontalltag (Diensteinteilung, Verpflegung, etc.) scheint insbesondere die Erwähnung von Fritz Brüll (1894-1924) bemerkenswert. Fritz Brüll war ein Sohn des bekannten Innsbrucker Möbelfabrikanten Michael Brüll (1856-1919) und diente als Reserveoffizier im 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger. Er war mit der Silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse ausgezeichnet worden und sollte im weiteren Verlauf des Jahres 1918 zum Oberleutnant in der Reserve befördert werden. Bei Kriegsende geriet er in italienische Gefangenschaft, aus der er gesundheitlich schwer angeschlagen zurückkehren sollte. Wie seiner Eltern und Geschwister gehörte auch Fritz der jüdischen Religion an.
Josef Gruber, der bereits 1919 dem „Tiroler Antisemitenbund“ beitreten sollte, kam mit Fritz Brüll offenbar gut aus. Er charakterisiert ihn als „sehr nett und gemütlich“. Offenbar hatten solche Kontakte mit jüdischen Mitbürgern jedoch keinen Einfluss auf Grubers antisemitische Haltung, die sich – an anderer Stelle – auch in seinem Kriegstagebuch niederschlug.

(StAI, NL Dr. Josef Gruber)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Der genannte Oberleutnant Fritz Brüll wurde mit folgenden Ehrenzeichen dekoriert:

    Er war Besitzer des Signum Laudis mit den Schwertern, der silbernen und der bronzenen Tapferkeitsmedaille, der Verwundetenmedaille und auch des Karl-Truppen-Kreuzes.

  2. An dieser Front fanden heftige Kämpfe statt, unter Anderem die Sprengung der ital. Platte.
    Aber auch persönliche Dramen. Am Monte Corno wurde der österreichische Reichstagabgeordnete Cesare Battisti, nachdem er als
    österreichischer Offizier zum italienischen Militär wechselte, von österreichischen Truppen gefangen genommen wurde und wegen Hochverrats in Trient im Buonconsiglio, am 10.7.1916, durch Tod durch den Strang zu Tode kam. Er war auch Abgeordneter zum Tiroler Landtag. Aus diesem Grunde wurde der Monte Corno auf Monte Corno Battisti umbenannt.
    Weniger bekannt sein dürfte, dass auch der Innsbrucker Kaiserjäger Oberleutnant Guido Jakoncig dort diente und meist
    als Sturmkompanie Kommandant im Einsatz war und für seine gefährlichen und erfolgreichen Unternehmungen hoch dekoriert wurde. Jakoncig war nach dem WK 1 auch Minister für Handel in der Regierung Dollfuß als Handelsminister, und in weiterer Folge als Rechtsanwalt in seiner Kanzlei in der Anichstraße in Innsbruck tätig. Er verstarb am 21.9.1972.

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