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Eine Fruchtbare Blüte

Eine fruchtbare Blüte

Vor genau 110 Jahren, am 6. Mai 1911 veranstalte Wien seinen ersten Blumentag. Vier Tage später berichtete der Allgemeine Tiroler Anzeiger auf den Seiten 1 bis 3 ausführlich und in äußerst blumiger Sprache über dieses „Sozialevent“ und erklärte dem hiesigen Publikum dessen Idee und Ablauf: „Ein großes Komitee von Damen und Herren der vornehmen Wiener Gesellschaft“ hatte sich gebildet, um nach Vorbild ausländischer Aktionen eine bestimmte Blume, in Wien „eine künstliche Heckenrose“, im öffentlichen Raum für einen guten Zweck – „und zwar zugunsten Obdachloser und kranker Kinder“ zu verkaufen.

Das miserable Wetter tat der Aktion keinen Abbruch; im Gegenteil, die „Heldengeschichte“ der jungen Blumenverkäuferinnen ließ sich nun noch mitreißender erzählen. Ob arm ob reich, ganz Wien schien bei dieser Premierenveranstaltung mit dabei gewesen zu sein; selbst lokale Berühmtheiten und natürlich auch die kaiserliche Familie traten als KäuferInnen und VerkäuferInnen auf. Der Zuspruch war so groß, dass schon untertags eilends noch Heckenrosen nachbestellt werden mussten und man abends gar auf blaue Kornblumen – ein Symbol der deutschnationalen Vereine – ausweichen musste. Der Anschaffungspreis betrug etwa 3 Heller und der Verkaufspreis 10 Heller, wobei natürlich oft mehr bezahlt wurde – einzelne Großspender gaben sogar 1000 Kronen. Insgesamt wurden etwa eine Million Blumen abgesetzt; als Endergebnis stand ein Gewinn von 110.000 Kronen zu Buche.

Diese Kombination aus Wohltätigkeit und gesellschaftlichem Ereignis fiel auf äußerst fruchtbaren Boden. „Es wäre zu wünschen“, schloss etwa der Bericht des Allgemeinen Tiroler Anzeigers vom 10. Mai 1911, „wenn sich auch in Innsbruck ein Komitee bilden würde, das für einen wohltätigen Zweck das Arrangement zu einem Blumentag übernähme.“ Gleiches geschah an anderen Orten. In Windeseile breitete sich das Phänomen der Blumentage über die Monarchie aus, von Bregenz bis Czernowitz, von Prag bis Laibach. Auch verschiedene Tiroler Orte und Städte, von Mayrhofen bis Hall, von Meran bis Brixlegg veranstalteten noch im gleichen Sommer ihren eigenen ersten Blumentag.

Das Phänomen der Blumentage fand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg weiteste Verbreitung: Hier eine Verschlussmarke des Sächsischen Kornblumentags 1913, der – ähnlich wie später die Poppy Days im englischsprachigen Raum – im Zeichen der Kriegsveteranen stand.

Innsbruck hingegen sollte erst mit einem Jahr Verspätung starten. Lokale Organisationen – namentlich der Ferienkolonienverein, das Blindeninstitut und die Rettungsabteilung der freiwilligen Feuerwehr – hatten zwar die Anregung des Anzeigers umgehend aufgegriffen. Sie kamen aber zum Schluss, dass sich eine derartige Großaktion zeitlich nicht mehr ausreichend organisieren ließ, wie die Innsbrucker Nachrichten am 6. Juli 1911 verlauten ließ: „Da wegen des früheren Schulschlusses viele Familien die Stadt bald verlassen, um in ihre Sommerfrischorte zu gehen, somit die regere Beteiligung am Blumentag fehlt“ und da andere Sammelaktionen bereits im Laufen waren, plante man, „den Blumentag im Mai oder Juni nächsten Jahres in großem Maßstabe abzuhalten.“ (Fortsetzung folgt)

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Slg. Günter Sommer Bd. 47, Nr. 37 und Bd. 27, Nr. 487).

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