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Die Wahrheit über 1968

Die Wahrheit über 1968

In der späteren Verklärung der Hippiezeit fehlt stets eine wichtige Kleinigkeit, nämlich jene ihrer gesellschaftlichen Irrelevanz bzw de facto nicht-Existenz, in steter Negation des Umstandes, dass in Innsbruck und anderswo zu dieser Zeit maximal 5 Prozent der Bevölkerung (und das gilt auch für die Jugend) irgendein Naheverhältnis zu Themen wie Rockmusik, Drogen oder freier Liebe gehabt haben und die wenigsten Menschen in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs an tiefgreifenden gesellschaftlichen Reformen interessiert waren.

Zur Illustration dieser nicht unwichtigen Erkenntnis haben wir ein Bild der Häuser Schneeburggasse 54 g, h und i gewählt, die später (nach dem letzten sozialdemokratischen Höttinger Bürgermister Alois Kohl) in Kohlweg 11, 13 und 15 umbenannt wurden. Hier wuchs der Autor dieser Zeilen auf und kann sich somit auf eine gewisse Zeitzeugenschaft berufen. Natürlich hatte ein Höttinger Biz andere Sorgen als die soziale Transformation der 1970er, es stand materiell ein ordentliches Radl auf der Wunschliste (es ging immer bergauf) und darüber hinaus hauptsächlich die Versorgung mit Süßwaren und Nahrungsmitteln durch unsere eigenen und die Mütter unserer Freunde. Es war Boomer-Zeit, in jedem Jahrgang der VS Hötting lernten sechs bis acht Kinder aus unserem Hof – es war also zu keinem Tageszeitpunkt schwierig, eine Völkerballmannschaft oder zwei Gruppen für Räuber und Schandi zusammenzustellen. Die Mütter waren ohne Beruf bzw. ihr Beruf war das gutbürgerliche Hausfrauen-Konzept, das, wie sich leider später herausstellte, zu unzureichenden Pensionsversicherungsjahren führt und nur durch großzügige Erbschaften finanziell ausgeglichen werden kann. Da es sich um ein eher hochpreisiges Wohnungseigentumsmodell handelte, lagen die Sprengelergebnisse der ÖVP über dem städtischen Durchschnitt. Keine unserer Mütter hatte eine Woodstock-Platte, geschweige denn den Film gesehen oder hätte auch nur sagen können wofür dieser Ort stand. Erste Versuche der Jugend, (eh schon in den 1980ern) eine Garagenband zu gründen, scheiterten an den empfindlichen Ohren des Blockwartes.

Darüber hinaus war das Leben als Kind hier näher bei Rosegger als bei Stanley Kubrick. Wir liefen um 14 Uhr in den Hof und konnten bis sechs, halb sieben mehr oder weniger tun was wir wollten, ohne darüber in Echtzeit oder mit Digitalbildern Bericht erstatten zu müssen. Der Einzugsbereich unserer Welt erstreckte sich auch auf den oberhalb gelegenen Butterer Bichl bis zum Schießstand. Gelegentlich mussten wir uns mit der Riedler-Bande aus der Dorfgasse ausmachen, wo genau die Grenzen der Reviere verliefen.
Auf unserem Titelbild sieht man eine Reihe von Erst- und Zweitwagen der Zeit, zwei Mütter und sechs Kinder beim Im-Hof-sein. Niemand von den Abgebildeten hörte später am Abend eine Platte von Deep Purple oder rauchte einen Joint.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. Auffallend ganz links ein Opel GT mit dem (damaligen ovalen) deutschen Ausfuhr- bzw. Zollkennzeichen, beachtlich ein paar Autos weiter rechts ein Porsche 356…

  2. Lieber Niko, der Wohnblock stellt vielleicht als Bauwerk ein Symbol des konservativen Bürgertums dieser Zeit dar. Aber von den Bewohnern desselben kann man dass wirklich nicht behaupten. In der Eckwohnung im letzten Block im ersten Stock wohnte damals (alles Anfang der 70er Jahre) ein befreundetes Ehepaar, das sehr wohl wie ich von den Beatles und Moody Blues begeistert war, 2 Stockwerke drüber ebenfalls ein Freund von mir mit seinem Studienkollegen, einem ehemaligen Bobfahrer, die auch einem Joint nicht abgeneigt waren. Und überhaupt, wie ich jetzt noch einmal nachgefragt habe, ist es immer wieder sehr laut und lustig zugegangen, wenn man nur die Haustüre betreten hat. Und vorne links im Parterre wohnte noch ein Ehepaar, von dem ihr im Stadtarchiv für euren Giftschrank den Patschkofelbahn-Porno erhalten habt. Wir haben also schon etwas von 68er Bewegung mitgenommen, außer vielleicht die nicht ganz „unfreie“ Liebe. Konservativ war vielleicht unsere Abscheu von Aktionen wie z. B. die der sozialistischen Studenten mit Otto Mühl an der Uni Wien („Uni-Ferkelei“). ,

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