Die Waggonbewohner:innen #13
In den 1950-er bis 1980-er Jahren enthielten die Wahlkampfbroschüren aller österreichischen Parteien eine Mischung von Abbildungen bereits fertiggestellter Neubauten und solcher, die sich noch im Bau befanden; zwischendurch Abbildungen von Straßen, die man schon befahren konnte und Versprechen solcher, die man bald befahren würde können. Das genügte lange als Metapher für Aufbau, Fortschritt und den Blick nach vorn. Ein Grund, warum so viele Bilder dieser firm zukunftsgläubigen Heilserwartung (der Politologe spricht hier von Eschatologie, erinnert man sich an die Vorlesungen des Professor Pelinka selig) unter das Wahlvolk gemischt wurden, war wohl auch der, dass dieses Wirtschaftswunder wie heute die virtuelle Wurschtigkeitsdroge Copium genau die Funktion hat, schief gelaufene Ideologien, verlorene Kriege und gefallene Väter, Brüder und Söhne etwas erträglicher zu machen. Und: Viel in den Baustellenbildern war längst nicht für alle erreichbar. Das stand aber nie im Kleingedruckten.
Nicht so inmder seit kurzem im allerbesten Langzeitprojekt, das die ÖNB jemals durchgezogen hat (kurz Anno) zur Verfügung stehenden Hochglanz-Welt-Illustrierten der Österreichischen Zeitung. Als gelernter Österreicher weiß man ja, dass irgendjemand diesen Spaß am Ende bezahlen muss, in diesem Fall war es niemand Geringerer als der hier freundschaftlich Generalissimus gerufene Josef Stalin selbst. Die KPÖ scheute keine russischen Kosten und Mühen, um eine veritable SW-Bunte herauszubringen, mit abwechselnd Halbnackerten auf dem Cover, Südsee-Fantasien und vergnügten Menschen am See/im Schnee. Auf 16 bis 24 Seiten pro Ausgabe wurde geblendet und umgedeutet, was das Zeug hielt, die Rohre der sowjetischen Propagandamaschine glühten ebenso rot wie jene ihrer US-amerikanischen Äquivalente. Ich könnte auch ohne Friseurbesuch tagelang in solchen Zeitungen schmökern, der Suchtfaktor ist realer als jeder existierende Sozialismus es je war. Klicken Sie bitte nicht auf die obenstehenden Links, wenn Sie am Wochenende noch auf den Berg oder ans Wasser kommen wollten. Leider hat es die ÖNB unterlassen die Zeitschrift flach zu scannen, in den Mittelbereichen sind die Artikel bisweilen sehr schlecht lesbar. Das wird bei der nächsten Selbstkritiksitzung eingefordert (Ironie off).
Pro Ausgabe der Welt-Illustrierten gab es dann ungefähr einen oder zwei recherchierte Artikel aus dem Austro-Kombinat. Im Februar 1954 feixt der ungenannte Ideologe/Autor gegen die Pracht der neuen mit ERP-Mitteln errichteten Luxushotels in Innsbrucker Bahnhofsnähe:
„Sogar in Bomberuinen hausen noch Menschen, ohne Fenster und Türen, ohne Klosett und Wasser— dankbar der Natur für den milden Winter, der sie die Härten ihres Daseins noch ertragen läßt.
Für sie gibt es keine Wohnungen, sie sind Bürger zweiter Klasse, Ausgestoßene aus den Annehmlichkeiten und Selbstverständlichkeiten der- Zivilisation. Sie können vor den Luxushotels stehen, wenn sie nicht der goldbetreßte Portier wegjagt, und zusehen, wie Amerikaner mit dicken Brieftaschen aus ihren protzigen Limousinen steigen und in Zimmern schlafen, die aus österreichischen Steuergeldern erbaut wurden— auch ihr Scherflein ist dabei —, für sie aber_ hat der heutige Staat nichts übrig.-„
Der ERP-Fonds (European Recovery Program) wäre eine genaue Betrachtung wert, diese scheinbar nie versiegende Geldquelle aus den Rückzahlungen der Marshall-Plan-Kredite hat in Tirol gefühlt 99% der ersten Einer-Sessellifte von Sölden bis Fieberbrunn finanziert; dass hier die Amis den Sowjets die Wiederaufbauhilfe-Erzählung weggeschnappt haben, ist unbestritten. Außerdem, muss man zugeben, haben sie 1955 dann nicht alles wieder abgebaut und mitgenommen nach St. Potjomkin an der Wolga.
Der hier besprochene Artikel zeichnet ein recht konkretes Gegenbild zur Aufbaustimmung und hat dafür einen ebenso ungenannten Fotoredakteur zu den prekär wohnenden Innsbrucker:innen geschickt. Das kraftvolle Titelbild lässt wenig Fragen offen: Am Peterbründl wird kein Wein getrunken sondern in ausrangierten Waggons, Bauwagen und Hütten gehaust. Hier von Substandard zu sprechen wäre Schönfärberei. Weiters wird im Artikel herausgestrichen dass die französische Besatzungsmacht sich Kondominien-Paläste neben Baracken erbauen lässt und dann über die Sommermonate doch zu Hause urlaubt. Wahrscheinlich ist vorher und nachher nie ein Bild aus der Innsbrucker Burgenlandstraße in einer Welt-Illustrierten erschienen.

