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Die Verhängnisvollen Knödel

Die verhängnisvollen Knödel

Hungrig setzte sich Johann Fritz am 27. Jänner 1880 zum Mittagessen, nicht ahnend, dass dieses sein Leben beenden sollte. Der Zimmermaler aus St. Nikolaus weilte zusammen mit seinem Sohn auf der sogenannten Seeburg bei Brixen, wo er mit Ausmalarbeiten beschäftigt war. Mit am Tisch saß der Auftraggeber und Hausherr Straßer, vormaliger Besitzer der Gasthöfe „Toleranz“ in Jenbach und „Traube“ in Mariahilf sowie Johann Heimgärtner, ein Freund der Familie.

Diese Karte zeigt rechts im Hintergrund den Ort der Tragödie, den Ansitz Seeburg mit dem roten Dach. Links im Vordergrund der Ansitz Krakofl.

Gleich zu „Beginn des Essens glaubten alle Tischgenossen an den Knödeln einen ungewohnten, etwas sonderbaren Beigeschmack wahrzunehmen, sie lachten jedoch, darüber und meinten scherzweise, die Frau dürfte etwas zu viel ‚Pfeffer‘ er­wischt haben, worauf die Frau aus dem Nebenzimmer erwiderte, daß man ja zu den Griesknödeln keinen Pfeffer nehme.“ Dass sich Frau Straßer im Nebenzimmer befand, hatte den Grund, dass ihr nach dem Verkosten der Knödel übel geworden war. Und auch den Männern verging das Lachen sehr schnell. Nach wenigen Bissen wurde ihnen schlecht und sie wanden sich vor Schmerzen. Der eilig herbeigerufene Arzt konnte nicht verhindern, dass Hausherr Straßer und Zimmermaler Fritz noch am Nachmittag unter unsäglichen Schmerzen verstarben. Johann Fritz Junior schwebte lange Zeit unter Lebensgefahr, konnte aber gerettet werden.

Zimmermaler Johann Fritz, der eine Witwe und acht Kinder hinterließ, wurde am 2. Februar 1880 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

Aber konnte es wirklich Zufall sein, dass ausgerechnet die nunmehrige Witwe Straßer und der „Freund der Familie“ nur ganz wenig von den Knödeln gegessen hatten und auch die geringsten Symptome gezeigt hatten? Die Gerüchteküche brodelte: Die Frau hatte angeblich ein sehr vertrauliches Verhältnis zu dem jungen Mann aus Deutschland, der den Gatten schon einmal bedrohte und sich sowohl vor als auch nach dem Mittagessen sehr verdächtig verhielt. Als Frau Straßer noch am Abend des Unglückstages verhaftet wurde, war die Stimmung bereits so aufgeheizt, „daß die Gendarmerie Mühe hatte, sie vor Tätlichkeiten der Lynchjustiz zu schützen“. Die Presse, darunter auch die Innsbrucker Nachrichten, die am 3. Februar 1880 ausführlich von alledem berichtete, erwartete mit Spannung den Prozess, „der die dunklen Irrgänge eines schauerlichen Verbrechens“ aufklären werde.

Sie wartete vergebens. Die beiden Verdächtigen saßen zwar über drei Monate in Haft, wurden jedoch nach den Voruntersuchungen entlassen, „weil die streng durchgeführte richterliche Untersuchung keine Anhaltspunkte zur weitern Verfolgung bieten konnte“, wie die Innsbrucker Nachrichten am 29. Mai berichteten. „Es ist nämlich aktenmäßig konstatirt, daß sich, als die Straßer’sche Familie den Ansitz Seeburg käuflich an sich brachte, von den frühern Besitzern her auf einem in der ‚Speise‘ befindlichen Kasten eine mit Arsenik versetzte, zur Rattenvergiftung bestimmte Quantität Griesmehl in einem größeren Starnitzel befunden hat.“ Die Straßers hatten das Anwesen in Bausch und Bogen übernommen und die Untersuchungen ergaben, dass die Frau vom vergifteten Grießmehl wohl „wirklich unschuldiger Weise“ Gebrauch gemacht hatte. Auch von den Verdächtigungen gegen Johann Heimgärtner blieb nichts übrig.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Slg. Günter Sommer Bd. 46, Nr. 359; Ph-16282; Innsbrucker Nachrichten, 3. Februar 1880, S. 8)

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