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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Die Radrennbahn

Die Radrennbahn

Passend zur heutigen Auftaktetappe der Tour of the Alps rund um Innsbruck gibt es von mir einen Beitrag zur Frühzeit des Radsports in Tirol. Meine Kollegin Renate Ursprunger hatte schon in den ersten Tagen dieses Blogs ein Bild der kurzlebigen Radrennbahn im Saggen veröffentlicht. Nun sind mir bei der Durchsicht einiger Akten auch die Planungsunterlagen dieser Bahn untergekommen, auf deren Grundlage sich die Geschichte der Bahn einigermaßen nachvollziehen lässt.

Für den Sommer des Jahres 1896 war unter dem Protektorat von Erzherzog Ferdinand Karl eine große „Internationale Ausstellung für körperliche Erziehung, Gesundheitspflege und Sport“ in den neuen Ausstellungshallen geplant. Die Ausstellung lag ganz im Trend der Zeit, denn die Begeisterung für Sport und körperliche Ertüchtigung war damals groß und eng verbunden mit verschiedenen Lebensreformbewegungen. Körperliche Aktivität galt als Mittel zur Stärkung von Gesundheit, Disziplin und (nationaler) Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig propagierte die Lebensreform eine Rückkehr zur Natur, zu bewusster Ernährung und zu einem ganzheitlich gesunden Lebensstil.

Die Organisatoren hatten sowohl internationale als auch nationale und regionale Aussteller eingeladen. Aufgeteilt war die Ausstellung bzw. deren Organisation in verschiedene Gruppen – die Gruppe VI war dem Radfahrwesen gewidmet. Ihr stand Rafael Ritter von Meinong (1849–1936) vor, der damals bei der Staatsbahndirektion als Inspektor für den Bahnbau tätig war und an verschiedenen Eisenbahnprojekten der Zeit planerisch beteiligt war. Zudem war er Vorsitzender des Tiroler Radfahrer-Verbandes und Obmann des Innsbrucker Bicycleclubs.

Gemeinsam mit dem Tiroler Radfahrerverband beantragte er im Februar 1896 für die „würdige Durchführung“ der Ausstellung im Bereich des Radfahrwesens die Errichtung einer Radrennbahn im Saggen. Er hatte hierfür auch schon die passenden Grundstücke im Auge, die neben dem Waisenhaus lagen und der Stadt gehörten. Daher bat er die Stadt, diese gegen ein (geringes) Entgelt für zehn Jahr pachten zu dürfen. Die Kosten für die Errichtung schätze er auf etwa 14000 Gulden (am Ende waren es nur etwa 8000), die sich der Radfahrer-Verband, die Organisatoren der Ausstellung sowie die regionalen Radfabrikanten teilen sollten. Die geplante Bahn sollte 400 Meter lang sein, die Kurven leicht erhöht und die Fahrbahn „aus 0,2 m starkem Beton gestampft und dann geschliffen“ sein.

Um dem Gemeinderat die Errichtung der Bahn schmackhaft zu machen, versicherte Meinong, dass die Bahn nach der Messe weiter genutzt werden sollte – etwas, was ja bis heute bei sportlichen Großereignissen Thema ist:

„Diese Bahn soll jedoch nicht allein der Ausstellung dienen sondern der Stadt Innsbruck seine nachhaltige und bedeutende Einnahmsquelle bieten, weil eine erstclassige Rennbahn auf der jährlich 5 gut dotierte Rennen abgehalten werden mindesten bei jedem Rennen 2000 Fremde, die ohne diese Bahn nicht kommen, heranziehen wird.“

Das Baukomitee der Stadt und in der Folge der Gemeinderat wollten dem Ansuchen aber nicht so ohne weiteres zustimmen, zumal man die ausgewählten Parzellen für den Wohnbau vorgesehen hatte. Daher verwies man die Antragsteller auf einen Platz etwas weiter nördlich bzw. in den Bereich des städtischen Viehmarktes. Die Antragsteller zeigten sich zwar offen für diese Anregung, betonten aber gleichzeitig, dass der bisherige Vorschlag viel besser geeignet gewesen sei und rechneten dem Gemeinderat vor, dass man jährlich mit 200.000 Gulden zusätzlichen Einnahmen durch die Bahn rechnen könne. Wie man zu diesen Phantasiezahlen kam, belegte Meinong indes nicht im Detail. Seinem Schreiben an den Gemeinderat legte er lediglich einen Zeitungsausschnitt aus dem Wiener Centralblatt für Radsport und Athletik bei (siehe Abbildung unten), das seine Aussagen untermauern sollte. In dem Artikel kündigte die Zeitungsredaktion nämlich vollmundig an, man werde mit einem Extrazug voller Zuschauer nach Innsbruck anreisen, sollte das Rad-Wunderkind Jimmy Michael (Gladiator Cycles) auf der geplanten Rennbahn antreten – heute würde man wohl mit einem Superstar wie Tadej Pogačar die Werbetrommel rühren.

Gemeinderat und Antragsteller konnten sich schließlich schon im März 1896 auf den Platz im Saggen einigen. Auf dem Plan im Titelbild ist die neue Position der Rennbahn in blau eingezeichnet (er umfasste die Parzellen 936, 938, 943, 944, 947, 948, 964, 955). Mit dem Bau wurde rasch begonnen, sodass sie im Juni 1896 eröffnet werden konnte. Der Pachtvertrag wurde bis zum Mai 1906 abgeschlossen.

So glatt es bis dahin lief, so rasch tauchten nach der Eröffnung erste Schwierigkeiten auf, denn aufgrund von „zersetzenden Strömungen“, die er nicht näher ausführte, in der Radfahrerschaft, wie Meinong schrieb, kam die Übernahme der Bahn durch den Radfahrer-Verband nicht zustande. Meinong, der nun im Besitz einer Radrennbahn war, aber in seiner „Stellung nicht Rennbahnunternehmer sein“ wollte, bot der Stadt die Bahn zum Kauf an, die aber kein Interesse zeigte. In der Folge betrieb ein „Rennbahn-Consortium“ aus Meinong, Karl Wiedner, Heinz Bederlunger und Hermann Ritter von Schwind die Bahn. Da der Betrieb jedoch nicht rentabel war – obwohl in der Zwischenzeit auch noch „Lawn-Tennis-Plätze“ angelegt worden waren und vermietet wurden – wurde der Pachtvertrag 1901 aufgelöst.

Die Bahn wurde daraufhin abgebrochen. Von den einst visionären Pläne blieb nach wenigen Jahren somit nur mehr ein Haufen Schutt, der dann für den Straßenbau vor Ort verwendet wurde.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Coml 12395/1901)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Mit „zersetzenden Strömungen“ sind wohl die deutschvölkischen Vereine wie URDA gemeint, die Wettkämpfe aus Prinzip ablehnten und dem Verband den Arier-Paragraphen aufdrängten.
    Es hätte noch gefehlt, dass man bei der Eröffnung gemerkt hätte, dass ein Baufehler begangen worden war und die Bahn um viel Geld nochmals gebaut werden musste, bevor sie endgültig als unrentabel angesehen wurde. Dann wäre es eine typische Innsbrucker Sportstättenstory.

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