Die Heilung des Schnupfens (II.)
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde allmählich der pharmazeutische Wilde Westen eingehegt. In Großbritannien wurden etwa 1909 nach einem Kommissionsbericht über die Gefahren von Betäubungsmitteln Reformen eingeleitet, um dieses Feld unter größere staatliche Kontrolle zu stellen. Zahnärzte sollten künftig nur noch Stickstoffmonoxid (Lachgas) zur Narkose verwenden, und Injektionen ins Rückenmark nur noch von ausgebildeten Ärzten durchgeführt werden (man schauert bei dem Gedanken, dass dem anders sein konnte…).
Ein nächster bedeutender Schritt war die Opiumkonferenz, die vom 1. Dezember 1911 bis zum 23. Januar 1912 in Den Haag tagte. Treibende Kraft dahinter waren die Vereinigten Staaten, wo sich der Missbrauch von Opium durch chinesische Einwanderer, deren Heimatland seit den Opiumkriegen von dieser Plage verheert wurde, zu verbreiten drohte. Eine der bremsenden Mächte war das Deutsche Kaiserreich, welches bereits zu einem großen Exporteur von Morphium und Kokain aufgestiegen war. Während Österreich-Ungarn 1909 an einer Konferenz in Shanghai zu diesem Thema teilgenommen hatte, blieb dieser Sessel in Den Haag leer, da „seine Interessen an der Frage zu gering seien“. Das mag auf den ersten Blick verwunderlich klingen, aber tatsächlich ging es bei der Konferenz hauptsächlich um den internationalen Handel mit Opium, an dem die Donaumonarchie kaum beteiligt war. Bezüglich der besseren Kontrolle von Medikamenten mit hohem Missbrauchspotenzial (Kokain, Morphium, etc.) wurde nur beschlossen, dass man „Maßregeln zu treffen“ suche.
Obwohl die Donaumonarchie wohl kaum ein Brennpunkt des internationalen Drogenhandels war, wurden auch hierzulande Schmuggler aufgegriffen. Im März 1914 wurden etwa in Triest auf einem Dampfer in einer Kabine der 1. Klasse ein Paket mit 12,6 kg Kokain konfisziert.
Am Rande bemerkt – Kokain war nicht unbedingt die schlechteste Alternative bei Zahnbehandlungen und anderen Prozeduren, die eine Lokalanästhesie erforderten. Noch 1914 fand sich im Allgemeinen Tiroler Anzeiger ein Bericht über eine neue Option statt Kokain für Zahnbehandlung: Eine Kombination aus „Quecksilber, Platinmetallen und anderen Stoffen“. Das war sogar noch schlimmer als es klingt, denn wenn wir an Quecksilber in der Zahnmedizin denken, dann haben wir Dentalamalgam vor Augen, das für Füllungen (bis 2025) verwendet wurde. Das Quecksilber ist dabei mit anderen Metallen zu einer Legierung gebunden und wird nur in sehr geringem Maß und über lange Zeit freigesetzt. Hier ist von einem Betäubungsmittel die Rede, das heißt, man verwendete Quecksilber, um mit seiner neurotoxischen Wirkung den Nerv abzutöten. Damit war die Gefahr von anderen Schäden durch das Metall natürlich deutlich höher, v.a. Schäden direkt an der behandelten Stelle konnten zu späteren Komplikationen führen. Mit dem oben erwähnten Lachgas und dem synthetischen Kokain-Derivat Procain setzten sich allmählich sicherere Alternativen durch.