skip to Main Content
#bilderschauen --- #geschichtenlesen --- #gernauchwiederimarchiv
Der „böse“ Ludwig (Teil II)

Der „böse“ Ludwig (Teil II)

Die Schlacht war nun eröffnet. Zwei Fronten standen sich gegenüber: Auf der einen Seite der Unterrichtsminister Marchet, der die politischen Reden in Wahrmunds Vorlesungen zwar nicht guthieß,  aber dennoch tolerierte und auf der anderen Seite das katholische Lager, das seinen Unmut nicht verbarg. Als Reaktion auf Wahrmunds Lehrinhalte schmiss die Leo-Gesellschaft, ein Verein zur Förderung von Wissenschaft und Kunst auf katholischer Basis, ihr umstrittenes Mitglied kurzerhand hinaus. Die Wahrmund-Affäre zog durch den Reichsrat und wurde auch in zeitgenössischen Zeitungen mit verschiedensten politischen Ausrichtungen aufgegriffen. Dennoch kann man sagen, dass die Debatte einigermaßen gesittet ablief.

Am 18. Jänner 1908 erreichte die Wahrmund-Affäre allerdings ihren Höhepunkt. Der Akademische Alpenclub Innsbruck lud für halb acht Uhr die Öffentlichkeit zu einer Versammlung im Stadtsaal ein. Auf dem Programmpunkt stand ein Vortrag von Ludwig Wahrmund über die „katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft“, was vermutlich noch kein Grund zur Aufregung gewesen wäre, wenn der werte Herr Wahrmund nicht derartige Aussagen getätigt hätte:

Ist der praktische Katholizismus […] ohnehin schon eine polytheistische Religion so wird dieser Polytheismus durch die lokalen Kulte und durch die ganz geschäftsmäßige Konkurrenz der Gnadenorte unter ausdrücklicher oder auch stillschweigender Billigung der Kirchenoberen noch weiter vervielfältigt.“

„Es gibt im praktischen Leben eine Unmenge von Fällen, in welchen es keineswegs von vornherein klar und zweifellos erscheint, was Tugend und was Sünde, was erlaubt und was verboten ist.“

Die juristische Konsequenz auf Wahrmunds Rede ließ nicht lange auf sich warten. Die tschechische und italienische Fassung des Vortrags, der nach der Veranstaltung zunächst auf Deutsch in Bayern abgedruckt wurde, wurde wegen Gotteslästerung von der Staatsanwaltschaft konfisziert, was folgendermaßen begründet wurde: „In der Begründung des Erkenntnisses letzter Instanz wird festgestellt, daß die Broschüre Wahrmunds „vorzüglich gegen die katholische Kirche gerichtet ist“, daß sie den „Deismus des Erlösers angreift“ [und] „die Herabwürdigung eines Dogmas der katholischen Kirche enthalten ist.“ (Salzburger Kirchenblatt, Nr. 34, 2.5.1908). Aus heutiger Sicht hätte der gute Ludwig hier hervorragende Marketingarbeit geleistet.

Die Verfechter der Lernfreiheit versetzte diese gerichtliche Entscheidung in Rage und man fragte sich, wie stark der Einfluss der Kirche auf die Justiz sei. Es wurde öffentlich über die Freiheit der Wissenschaft debattiert, wobei sich alle Antiklerikalen zusammentaten. Ob die Debatte allerdings zugunsten Ludwig Wahrmunds ausging, werden Sie nächste Woche erfahren. Sie können die Wartezeit nutzen, um Ihre Gedanken zur thematisch passenden Karikatur niederzuschreiben.

(Verena Kaiser)

(Foto: Kikeriki, 05.04.1908)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Man mag da ja gar nicht kommentieren, Judenhass, wie ihn auch die Kirche damals eifrigst zu fördern schien, Judenkarikatur übelster Klischees (bis heute „weiß“ ich, ohne daß es zu lesen ist, daß das Juden sein sollen, wo und von wem hab ich das bloß gelernt?) und ein maßloses Aufplustern. Wurde da einer nervös, daß da jemand mit dem Hammer gefährlich nahe an tönernen Füßen eines ausgewucherten Riesen herumfuchtelte? Erinnert mich irgendwie an die Szene „Er hat Jehova gesagt!“ im legendären Film „Das Leben des Brian“.
    Und wenn wir schon bei unfreiwilliger Komik sind: Die Figur links oben erinnerte mich im ersten Augenblick an eine der vielen Kreisky Karikaturen. Nur im ersten Augenblick. Das ist der einzige persönliche Kommentar. Der obige Rest ist auch schon wieder anerzogenes Pflichtdenken.

    1. ……aber dafür hat Herr Professor als Kleinkind gewiß ausgesehen wie die süßen blondgelockten blauäugigen Jesusknäbleins auf den „Tafeln“, den „Schlafzimmerbildern“ in der Auslage der Rahmenhandlung Sailer in der Andreas-Hofer-Straße -in den 50-er Jahren…
      – und die Darstellung sagt: „Der ist zu „blauäugig, um zu sehen, was er anrichtet“
      – wobei: „Wissenschaft“ und „Volksfrömmigkeit“ sind halt einmal „zwei Paar Schuhe“

    2. Lieber Herr Hirsch,

      vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag. Das spannende an Karikaturen ist ja , dass wir so viel aus ihnen herauslesen können. Das macht die Analyse umso spannender. Ich wünsche ein schönes Wochenende und hoffe, dass Sie zum großen Finale nächste Woche wieder vorbeischauen 🙂
      Liebe Grüße

      Verena Kaiser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back To Top
×Close search
Suche