Der Anachronismus bei dem man mitmuss 1
Viele denken, dass historisch falsche Darstellungen eine Erscheinung sind, die erst mit Hollywood entstanden ist. Ein Blick auf den Germanenmythos des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Solche Darstellungen wurden gezielt für politische Zwecke genutzt.
Besonders interessant ist der Versuch, durch den Bezug auf „die Germanen“ das Gefühl einer gemeinsamen Identität zu schaffen. Tatsächlich stellten die germanischen Gruppen jedoch nie eine politische oder kulturelle Einheit dar – außer in den Beschreibungen von außerhalb.
Das Bild eines gemeinsamen germanischen Volkes wurde maßgeblich durch den römischen Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. geprägt. Seine Darstellung diente jedoch nicht in erster Linie einer objektiven Beschreibung der germanischen Stämme, sondern hatte wiederum eine politische Funktion: Indem er den vermeintlich einfachen und tugendhaften Germanen den dekadenten Römern gegenüberstellte, hielt er der römischen Gesellschaft den Spiegel vor.
Die abgebildete Postkarte ist ein typisches Beispiel für die idealisierte Darstellung von Germanen und die damit verbundenen historischen Fehler. Sofort ins Auge fällt der wagnereske Flügelhelm, den es in dieser Form nie gegeben hat. Ebenso interessant sind die wiederkehrenden Anachronismen: Das Schwert, das der Krieger in der Hand hält, stammt aus der Bronzezeit und ist damit mindestens 1.000 Jahre älter als die dargestellte Epoche.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum, Sommer-10-75)
Hiezu paßt wunderbar jener Spottvers, den ich – vor etwa 15 Jahren – irgendwo gelesen habe:
Es saßen die alten Germanen / zu beiden Seiten des Rheins.
Sie lagen auf Bärenhäuten / und tranken immer noch eins.
Da trat in ihre Mitte / ein Römer mit Deutschem Gruß:
„Heil Hi…r, Ihr alten Germanen / ich bin der TACITUS!“
(Hoffentlich bin ich jetzt nicht wegen „Wiederbetätigung“ dran…)
Liebe Frau Stepanek, seien Sie unbesorgt. Was Sie hier im Kopf haben, sind die ersten beiden Strophen des gegen Nazismus und Deutschtümelei gerichteten Spottliedes „Es lagen die alten Germanen“.
Eine weitere Strophe lautet
Dann trat zu ihnen allen Genosse Molotow: „Heil Moskau, ihr alten Germanen!“ / Nahm Haltung an und soff.
Ich habe es hier im von den katholischen Studentenverbindungen verwendeten Österreichischen Kommersbuch, das als Quelle auf das Jugendliederbuch des Franziskanerordens verweist.
Also wenn ich mir die Postkarte anschau, bin ich überzeugt, dass wir es hier mit der ältesten Darstellung von Asterix zu tun haben.
Gell, Friedrich, da war er noch jung!!! Nun, man sollte die Hoffnung nie aufgeben – er ist schließlich doch noch recht clever geworden – oder?
Asterix war im Gegensatz zu dieser Heldenkarikatur immerhin militärisch erfolgreich.