Der Anachronismus bei dem man mitmuss 1
Viele denken, dass historisch falsche Darstellungen eine Erscheinung sind, die erst mit Hollywood entstanden ist. Ein Blick auf den Germanenmythos des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Solche Darstellungen wurden gezielt für politische Zwecke genutzt.
Besonders interessant ist der Versuch, durch den Bezug auf „die Germanen“ das Gefühl einer gemeinsamen Identität zu schaffen. Tatsächlich stellten die germanischen Gruppen jedoch nie eine politische oder kulturelle Einheit dar – außer in den Beschreibungen von außerhalb.
Das Bild eines gemeinsamen germanischen Volkes wurde maßgeblich durch den römischen Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. geprägt. Seine Darstellung diente jedoch nicht in erster Linie einer objektiven Beschreibung der germanischen Stämme, sondern hatte wiederum eine politische Funktion: Indem er den vermeintlich einfachen und tugendhaften Germanen den dekadenten Römern gegenüberstellte, hielt er der römischen Gesellschaft den Spiegel vor.
Die abgebildete Postkarte ist ein typisches Beispiel für die idealisierte Darstellung von Germanen und die damit verbundenen historischen Fehler. Sofort ins Auge fällt der wagnereske Flügelhelm, den es in dieser Form nie gegeben hat. Ebenso interessant sind die wiederkehrenden Anachronismen: Das Schwert, das der Krieger in der Hand hält, stammt aus der Bronzezeit und ist damit mindestens 1.000 Jahre älter als die dargestellte Epoche.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum, Sommer-10-75)