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Adresse? Baracke.

Adresse? Baracke.

Es ist ein im Grunde völlig normaler pragmatischer Akt, in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit Baracken, die nun schon einmal dastehen, auch am Ende von Kriegen und nach Regimewechseln weiter als Baracken zu nützen. Diese Nachnutzung bekommt, wenn in diesen Behausungen auch schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, natürlich einen schalen Beigeschmack. Auf unserem Titelbild aus den 1960ern sehen wir am Inn mehr oder weniger 1:1 den Bauplan des KZ vulgo Arbeitserziehungslager Reichenau. Hier dieselbe Szene fast 20 Jahre früher, Ende Mai 1945, aus einem amerikanischen Flugzeug aufgenommen. Nur die Gebäude unterhalb des geschwungenen Lagerweges gehörten zum eigentlichen KZ der Gestapo Innsbruck; in den anderen wohnten Zwangsarbeiter aus allen von den Nationalsozialisten besetzten Ländern.

Die Baracken bleiben also, und es zogen Menschen ein, die sonst kein Dach über dem Kopf gehabt hätten. Die Lager waren unterschiedlich organisiert, Südtiroler, Volksdeutsche, „Ausländer“, Heimatlose aller Herkunftsländer. Es wurde schon angemerkt, dass diese vielen Lager erst sehr spät aus dem Stadtbild verschwanden und dafür sehr schnell aus dem Bild herausfielen, an das man sich bei der Erinnerung an die schönen 50er und 60er Jahre so gerne erinnern wollte. Wieder hilft uns das Adressbuch der Landeshauptstadt weiter: Gaben 1964 noch mehr als 300 Personen an, sie wohnten in Baracken, großteils Reichenauer Baracken mit den Buchstaben A-F oder auch Doppelbuchstaben AA ff. gekennzeichnet, so findet sich dazu im Adressbuch von 1970 kein einziger Beleg mehr. Haben die Olympischen Spiele die Entfernung, angeblich manchmal auch gegen den Willen der Bewohner*innen, befeuert? Herr Hirsch erzählt ja hier in den Kommentaren auch von solchen „warm abgetragenen“ Siedlungen.

Richard Frischauf ist auch zu ebener Erde zu den Resten der Baracken gegangen und hat diese Relikte der kalten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert.

Baracken am Inn, 1963

(Stadtarchiv Innsbruck, Sammlung Frischauf, Ph-4396 und Ph-2560)

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Auf zwei Besonderheiten am Ami-Flugbild, welche man nur kurzfristig sah, möchte ich hinweisen: Rechts unten die Innsbrucker Umgehungsbahn durch die Amraser Felder, die schnell nach dem Krieg wieder abgetragen wurde, und oben die zerstörte Reichenauer (Sandwirt- ) Brücke. Diese Brücke wurde nur indirekt durch Kriegseinwirkung beschädigt: In Zirl wurde die Innbrücke gesprengt, Tragwerkteile blieben bei der Sandwirtbrücke hängen.

  2. Jetzt noch schnell eine Frage an unseren Piloten Herrn Hirsch: Ebenfalls auf diesem Ami-Flugbild sieht man im Bereich des alten Flughafens weiße Punkte und helle Streifen. Was können Sie uns darüber erzählen?

    Schade auch, dass der nördliche Teil des Flughafengeländes am Bild abgeschnitten ist und dass man es auch schlecht vergrößern kann. Es steht allerhand umher, man kann aber nicht ausnehmen was. Ich weiß nur noch, dass damals eine Luftwaffenmaschine gestrandet ist, um die wir Buben ehrfurchtsvoll herumgeschwanzelt sind. Größere sind hinaufgestiegen und haben allerhand abmontiert. Erwachsene haben sogar etwas in Flaschen abgezwackt, sie sagten, das sei Alkohol. Komischerweise war in der Zeit, in der wir dort waren, keinerlei Bewachung vorhanden. Am nächsten Tag sind wir noch einmal hinunter, da war alles abgesperrt.

  3. Das Luftbild habe ich auch schon studiert und teile mit Ihnen das Bedauern über den nördlichen Rand desselben. Die hellen Punkte scheinen mir Bombentrichter zu sein,
    Die hellgrauen Linien wage ich nicht zu interpretieren. Gegen provisorische Startbahnen spricht die Kurve am Ende, ein absolutes no-go für runways. Ich besitze eine Postkarte von Mutters, wo man diese StTreifen aus großer Entfernung sieht und die ich für eine von den Amis angelegte Behelfsstartbahn gehalten habe. Man muß wissen, daß der Reichenauer Flugplatz zwar beengt, aber ansonsten eine sehr gute Oberfläche hatte, viel besser als die sumpfige Ulfiswiese im Westen.
    Ganz oben stehen ein Haufen Kleinflugzeuge herum, der helle Fleck am Flügel ist wohl das Kennzeichen der USAF.
    Man könnte ein Buch schreiben, wenn es das nicht schon aus der Feder von Frau Dr. Chraust und amerikanischer Autoren gäbe.
    Hier das Flugzeug ihrer Jugendzeit, welches auch die Amis zum Klettern angeregt hat. Man sieht übrigens wie weit hinter den Hangars das Flugzeug gestanden hat, Es war eine Me262, der DDüsenjäger der Luftwaffe. Hochmodern.
    Eine größere Anzahl dieser Flugzeuge landete in den letzten Kriegstagen in Kranebitten, man kann immer wieder lesen, daß die Nummer 1 dieser Staffel versehentlich in der Reichenau gelandet sei. Aber ich hab ein Foto einer anderen Nr. 1 die in Kranebitten stand…
    https://postimg.cc/G4J3fWsF
    und
    https://postimg.cc/K3jS0Vh5
    Hier sieht man im Hintergrund ein paar der am Luftbild erkennbaren Kleinflugzeuge
    https://postimg.cc/Y4TW2cbv
    Die Me262 war natürlich die Hauptattraktion, aber vielleicht sind Sie auf dem ebenfalls angeblich aus Tschechien geflüchteten und bei der Landung havarierten STuka herumgeturnt:
    https://postimg.cc/Q9wGnmNG

    1. Ja, genau das war er! Dass davon ein Bild zu finden ist! Danke, Herr Hirsch ich wusste ja: Wenn, dann können nur Sie helfen!
      Ich kann mich noch gut erinnern: Das Vorderteil war steil nach oben gereckt, man musste über den Rumpf hinaufklettern (aber wie schon geschrieben, das taten andere, wir kleinen getrauten uns nicht), die Kanzel war offen und als wir kamen, war schon ziemlich alles ‚ausgeboanelt‘. Unter den Tragflächen konnte man stehen und ich habe es noch genau vor meinen Augen: Es war da ein kleiner Hahn, ein dünner Strahl klare Flüssigkeit rann heraus, wie beim Schnapsbrennen, und ergoss sich in Flaschen, die Männer darunter hielten. Es sei Schnaps, wurde uns gesagt und nichts für uns.
      Anscheinend wurde das dann wirklich getrunken und es seien einige vergiftet worden, erzählte man daheim. Erst da berichteten wir von dem, was wir gesehen haben und es wurde uns verboten, jemals wieder in die Nähe von solchem Zeug zu gehen!

  4. einmal zur Umgehungsbahn: so schnell wurde sie nicht abgebaut, noch einige Jahre war die Bahnstrecke vorhanden. Mein Vater erzählte mit, dass vor 1950 einmal jemand beim Stehlen der Kupfernen Fahrleitung ums Leben gekommen ist. Es existiert ein Bild, wo die Trasse um 1950 mittels einer Dampflok und Bauzuges abgebaut wird. Was ich das erstemal glaube zu sehen ist, dass wirklich in der Rossau eine Ausweiche (Bahnhof) war. Das Fundament des Stellwerkes sah ich noch in den 70ern, ebenso wie die Innbrücken Fundamente.
    Noch ein kleines Relikt erkennen wir ober der Ziegelei Mayr, am Bahndamm befindet sich ein kleiner weisser Punkt. Hier ist ein Durchlass für die Transportbahn der Ziegelei zum Hang beim Arzler Kalvarienberg, wo Lehm abgebaut wurde. Bis vor wenigen Jahren bestand dieser kleine Surchlass noch ursprünglich mit Ziegel ausgemauert, nun ist es ein großer betonierter Durchlass.

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