„Chocolate Kiddies“ und „Soudan-Dorf“ – Die Inszenierung schwarzer Kultur in Innsbruck 1929/30
Im März 1930 trat im Stadttheater der afroamerikanische Tänzer und Sänger Louis Douglas mit seiner Frau Marion Cook und der Revue „Louisiana“ auf. Die beiden waren Teil einer einflussreichen afroamerikanischen und in Europatourneen lang erprobten Musikerfamilie und -community, Unter anderem verhalfen sie 1924 der jungen Josephine Baker zu Ihrer ersten Bühnenrolle.
Die in Innsbruck auftretende Truppe bestand aus insgesamt 52 Mitgliedern, allein die Jazz-Band war 10 Personen stark. Sie ließen sich als „Chocolate Kiddies“ ankündigen und befanden sich seit mehr als einem Jahr auf großer Europatournee. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch, dass viele der Künstlerinnen und Künstler aus einem multikulturellen Hintergrund stammten, also z.B. ein Elternteil weiß war. Es mag zur Akzeptanz in Europa beigetragen haben.

Louis Douglas hatte die Musik „aus den neuesten Londoner und New-Yorker Musikschlagern zusammengestellt. Lauter neue Musik, darunter die neuesten Modetänze, die bei uns bisher unbekannt waren“ (Pester Lloyd, 29.1.1930, S. 8). Die kurz darauffolgende Kritik stellte fest, Louisiana „bietet eine ganze Reihe von Überraschungen! Überraschend für westliches Auge die farbensprühende Pracht exotischen Girltums […] Blendende Kostüme und Dekorationen täuschen Wildwest, Plantagen, Bars, das New-Yorker Harlemviertel u.a. vor. […]“ (Pester Llloyd, 4.2.1930, S, 9)
In Innsbruck war der Direktor des Stadt-Theaters, Ady Berger, offensichtlich besorgt, dass die Truppe nicht gut aufgenommen werden würde und entschied, sie vor Beginn des Programmes „dem Schutze des Publikums zu empfehlen.“ Die Revue wurde dann aber „nicht nur vorurteilsfrei sondern recht beifällig“ aufgenommen. Ein Kritiker lobte besonders das „Tanzgenie“ Louis Douglas und die Stimme einer gewissen Mabel Mercer (Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 17.3.1930, S. 8)
Mabel Mercer gilt heute als eine der einflussreichsten Cabaret Sängerin aller Zeiten. Ihre Art der Phrasierung beeinflusste die wichtigsten Sänger und Sängerinnen des 20. Jahrhunderts, unter ihnen Nat King Cole, Barbara Streisand oder Tony Bennet. Frank Sinatra sagte über sie: “Mabel Mercer taught me everything I know”. Und Billie Holiday stahl sich aus ihrem Engagement weg und verlor es fast, nur um ihr zuzuhören (New York Times, 21.4.1984, Section 1, S. 24).

Natürlich gab es auch andere Meinungen zum Gastspiel der „Chocolate Kiddies“. In den Innsbrucker Nachrichten war man sich sicher, die Show wäre „nicht nur als ein Ausschnitt aus der „Zeitkunst“ zu werten, sondern auch für den Ethnologen lehrreich“, schließlich liefere sie „doch den Beweis, daß Rasseeigentümlichkeiten auch unter fremdartigen Kultureinflüssen nicht verschwinden.“ Resigniert schließt man hier: „Der Geschmack des Publikums ist auch in Tirol bereits so stark vern…t, daß der Revue Beifall geklatscht wurde.“ (Innsbrucker Nachrichten, 17.3.1930, S. 4.)
Nur etwa fünf Monate vor dem Auftritt von Louis Douglas, Marion Cook und Mabel Mercer wurden schwarze Menschen in Innsbruck wie im Zoo ‚ausgestellt‘:
Im Oktober 1929 erfreute sich in der Innsbrucker Ausstellungshalle das originale „Soudan-N.dorf“ regen Besuchs, allein am Eröffnungstag wurden 4000 Eintrittskarten verkauft. Die Völkerschau präsentierte „65 Eingeborene, die in achtzehn Stohhütten die einzelnen Gewerbe, Goldarbeiter, Holzschnitzer, Schneider, Weber, Schuster, Musiker usw. in ihrer primitiven Art und Weise zeigen. Um die Marabouschule, die Küche und ganz besonders und den Platz, wo die senegalesischen Tänze vorgeführt werden, drängen sich die Besucher.“ (Innsbrucker Nachrichten, 15.10.1929, S. 4). Überdies wurde eine „Senegalesische“ Hochzeit inszeniert „und zwar heiratet der 20jährige Samba Soy seine 14jährige Braut Gueye Demba.“ (Tiroler Anzeiger, 15.10.1929, S. 4) Kurz vorher war diese „Ausstellung“ im Wiener Prater zu sehen und auch hier war eine Hochzeit inszeniert worden, eine Zeichnung davon zierte die Titelseite der Kronen Zeitung am 17. September 1929.

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