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Bretter, Sill Und Trientiner

Bretter, Sill und Trientiner

Blickte man vor einigen jahrzehnten vom Bergisel in Richtung Nordosten, bot sich dieser Blick. Wann das gewesen sein könnte, überlasse ich der Expertise der Rätselfreunde. Ich selbst möchte stattdessen die Brücke und ihren Namen in den Vordergrund rücken, die kürzlich bereits in einem Kommentar eher beiläufig erwähnt wurden.

Die Umbenennungen im Bahnhofsbereich 1923 entsprangen ganz der Verbitterung über den Verlust des deutschsprachigen Südtirols und standen unter dem Eindruck des deutsch-italienischen Gegensatzes. 65 Jahre später hatte sich der Blick zurück zum Glück bereits deutlich gewandelt. Der Rotary Club Innsbruck, der ein enges Verhältnis zu seinem Pendant in Trient pflegte, trat deshalb mit dem Wunsch um eine entsprechende Straßenbenennung an die Stadtverwaltung heran. Der Stadtsenat stellte am 13. April 1988 den Antrag, zwei Sillbrücken neu zu benennen: die sogenannte Bretterbrücke beim Bierstindl, um die Trientiner zu würdigen und die Gaswerkbrücke, um ein Zeichen für den Frieden zu setzen.

Diese Angelegenheit führte am 21. April zu einer regen Diskussion im Gemeinderat, die ganze 11 Protokollseiten füllt. Obwohl der Punkt zwei Umbenennungen behandelte (zur zweiten nächste Woche mehr), widmeten sich gefühlte 90 Prozent der Redebeiträge der Trientiner Brücke und der Erinnerung an „Groß-Tirol“, wie es Hermann Weiskopf (Innsbrucker Mittelstand – IMS) ausdrückte. Im Gedenken an Alttirol habe man sich bislang „sehr stark den nationalen Strömungen gebeugt“ und dementgegen müsse nun vermehrt das gemeinsame deutsch-italienische Erbe betont werden. Auch Wilhelm Steidl (Tiroler Arbeitsbund – TAB) sah die Benennung als Chance, „in der Diskussion über eine neue Tirolität wirklich eine Brücke zu schlagen“.

Beide Namensgebungen fanden prinzipiell größte Zustimmung, nur über die konkreten Örtlichkeiten gab es unterschiedliche Auffassungen. Zahleiche Mandatare fanden die Umbenennung der Bretterbrücke am Fuße des Bergisels ein schönes Symbol, da dort „in den Jahren der napoleonischen Zeit deutschsprachige Tiroler neben italienisch sprechenden Tirolern nebeneinander für ein gemeinsames Vaterland“ gekämpft hätten (Weiskopf). Zudem liege am Bergisel das Heldenbuch der Kaiserjäger aus dem Ersten Weltkrieg und fast jeder zweite Name darin sei ein Trentiner oder Ladiner (Steidl). Andererseits hätte sich Weiskopf, ebenso wie Walter Ebenberger (FPÖ), eigentlich eine bedeutendere Brücke, etwa die Gaswerkbrücke für die Trientiner gewünscht. Damit trafen sie sich mit Mandataren, denen die Gaswerkbrücke nicht würdig genug als Friedenssymbol erschien. Rainer Patek (Alternative Liste Innsbruck – ALI) bevorzugte etwa einen zentraleren Friedensort und meinte „daß der Platz vor dem Landestheater für die Benennung Friedensplatz geeigneter wäre“. Dietmar Höpfl (SPÖ), von dem der Vorschlag des Friedensplatzes ursprünglich stammte, warf dann jedoch ein, wichtiger als den perfekten Ort zu finden sei es, das Zeichen überhaupt zu setzen. Deshalb warb er dafür, den Stadtsenatsvorschlag in der ursprüngliche Form anzunehmen – was dann auch passierte. Und zwar einstimmig.

Unmittelbar im Anschluss an die Abstimmung lud Bürgermeister Romuald Niescher bereits zum Festakt ein: Da sich in Innsbruck gerade Vertreter aus Trient befanden, werde schon zwei Tage später eine kleine Einweihungsfeier stattfinden; je nachdem ob sich die Anreise des Bürgermeisters von Trient samt einer Delegation so kurzfristig noch organisieren ließ, wurde eine zweite größere Feier in Aussicht gestellt.

Innsbrucker Stadtnachrichten, Mai 1988, S. 7.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, KR-NE-8014)

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Was man auf diesem Foto schmerzlich vermisst, ist die wunderbare Kapelle St. Bartlmä, die ja erst Jahrzehnte später wiederaufgebaut wurde. Einige Jahre vorher war ganz in der Nähe die Gau-Feuerwehrschule.
    Ein perfektes Schwesternbild zu diesem Foto findet man in diesem Beitrag:
    https://innsbruck-erinnert.at/unsere-liebe-jugend/

    Der Vergleich beider Bilder ist auf Grund der baulichen Veränderungen sehr interessant und verblüffend!

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