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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Bitterer Nachgeschmack Des 1. Mai

Bitterer Nachgeschmack des 1. Mai

Vor 100 Jahren fiel der 1. Mai auf einen Samstag, da haben wir es dieses Jahr besser erwischt. Aber halt – nicht wirklich, denn der Samstag war für die meisten Menschen in den 20er Jahren ein Arbeitstag wie jeder andere. Womit man wohl sagen muss, dass wir es viel besser erwischt haben. Aber so oder so war die Stimmung im Allgemeinen Tiroler Anzeiger angesichts des Tags der Arbeit etwas missmutig. Das konservative Blatt berichtete am Montag nach dem Feiertag giftig:

Der 1. Mai wurde in den Städten und Industrieorten von den Sozialdemokraten in herkömmlicher Weise durch Nichtstun, mit Umzügen und Redenanhören gefeiert.

Dieses Nichtstun war auch eine Frechheit – was glaubten diese verlausten Fabrikarbeiter, dass sie etwas außerhalb der Maschinenhallen verloren hatten, außer um sonntags die Messe zu hören? Nicht umsonst hieß es in der ersten Strophe des Bundesliedes des Arbeitervereins „Bet‘ und arbeit‘! ruft die Welt – bete kurz! denn Zeit ist Geld“.

Weiter bemerkte der Anzeiger mit gerümpfter Nase, dass auf den Umzügen Fahnen mit den Aufschriften „Wir lassen uns den Mieterschutz nicht rauben!“ und „Heraus mit der Invaliden- und Altersversicherung!“ herumgetragen wurden. Welche Vermessenheit. Bereits am 30. April hatte der Anzeiger unter der Überschrift „Kommandierte Festfreude“ über den kommenden Feiertag, den er als „Tag der Arbeitsscheue“ bezeichnete, geklagt.  

In der Volks-Zeitung hingegen wurde getitelt: „Glänzender Verlauf der Feier des 1. Mai“:

Die Maifeier in Innsbruck wurde auch diesmal zu einer würdigen, eindrucks- und machtvollen Demonstration der Werktätigen der Landeshauptstadt, zu einem erhebenden Bekenntnis für Sozialismus und Republik.

Dabei konnte man es sich auch nicht verkneifen, dem Anzeiger ein wenig Salz in die Wunde zu streuen:

Die Größe und Geschlossenheit unserer Maikundgebung ruft Jahr für Jahr bei den Feinden des arbeitenden Volkes steigendes Unbehagen hervor, und der Freitag-„Anzeiger“ war so ungeschickt diesen durchaus erklärlichen Ärger durch sein kindisch-läppisches Geschimpfe allzusehr zu verraten.

(Titelbild – Maifeier am 1. Mai 1919: Das erste Mal ein gesetzlicher Feiertag in Österreich, bzw. „kommandierte Festfreude“, die der Anzeiger meinte, Signatur Ph-25240)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. “ … und herg’schlagn worn sein sie – und decht sein sie mitgangen“ – hieß es in den Erzählungen mancher Nachbarsfamilien über den 1. Mai in Wilten.
    Aber ob das Wiltener Platzl der Versammlungsort vor dem Aufmarsch war, könnte ich nicht sagen.

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