Auf die Locken fertig los!
Ein etwas kürzerer Haarschnitt mit gewickelten Locken, die das Gesicht einrahmen, muss 1975 hochmodern gewesen sein. Bis auf eine tragen alle Frauen auf diesem Foto eine solche Frisur. Mal wurden engere, mal weitere Lockenwickler verwendet, aber das Ergebnis ähnelt sich sehr. Was mich jedoch bei diesem Foto erstaunt hat, waren nicht die Frisuren, sondern die Kleidung der abgebildeten Personen. Durch die Bank tragen sie schicke Kleider oder Blusen mit Röcken, dazu hochhackige Schuhe. Selbst die Stylist*innen sind entweder mit Anzug oder edlen Blusen am Werk. Für einen Friseurbesuch kommen sie mir alle etwas „overdressed“ vor.
Ungewöhnlich ist auch die Anordnung der Stühle. Alle Damen, die gerade frisiert werden, haben den Blick nach vorne. In einem Salon würde man sich eher die Rücken zuwenden und jede in den eigenen Spiegel blicken. Doch nicht einmal einen Spiegel gibt es hier. Dafür scheint es, als würden die Damen auf einer Bühne sitzen. Denn am unteren Bildrand ist eine Kante zu erkennen, die auch in eine Treppe überleiten könnte.
Tatsächlich ist dies auch kein Friseurbesuch im klassischen Stil. Das Foto stammt vom 29. Juni 1975, als Friseur*innen aus Grenoble auf Einladung der Akademie der Frisierkunst Österreich in Innsbruck zu Besuch waren. Diese Akademie scheint es auch heute noch zu geben und ein schneller Blick auf ihre Webseite verrät, dass sie sowohl Showfrisieren, als auch Wettbewerbstraining fürs Preisfrisieren anbieten. Also vielleicht handelt es sich bei dem Foto um eines von Beiden. Vermutlich eher ums Wettbewerbsfrisieren, wenn ich mir die Friseurin am rechten Bildrand ansehe. Sie scheint so auf die Arbeit ihres Nachbarn fixiert zu sein dass sie nicht darauf schaut, was ihre Hände gerade machen.
Es gibt übrigens noch ein zweites Foto vom selben Anlass. Darauf sind ausschließlich Männer zu sehen, die aufgereiht nebeneinander stehen. Ein starker Kontrast zum Titelbild, auf dem die Frauen eindeutig überwiegen. In der Mitte der Reihe befindet sich ein Herr im Anzug, der in ein Mikro spricht. Der Rest hört ihm mehr oder weniger interessiert zu. Worum es wohl geht?

(Stadtarchiv/ Stadtmuseum Innsbruck, Ph-13197, Ph-13196)