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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
50 Jahre „Funkarzt“ In Innsbruck

50 Jahre „Funkarzt“ in Innsbruck

Es handelte sich wohl um den majestätischsten der Wägen, die das Rote Kreuz Innsbruck jemals sein eigen nannte: Jener auf zwei Fotografien aus der Sammlung Richard Frischauf des Innsbrucker Stadtarchivs abgebildete Mercedes (von Kennern nach der Typenbezeichnung „W123er“ genannt), die mir als dem Archivar des Roten Kreuzes Innsbruck vom Stadtarchiv in der Person Matthias Eggers schon vor zwei Monaten zugeschickt wurden. Die Bilder kamen gerade zur rechten Zeit!  Denn der organisatorische Hintergrund der Aufnahmen jährt sich heuer zum fünfzigsten Mal: Anfang des Jahres 1976 wurde der sogenannte „Ärztliche Funkbereitschaftsdienst“ (vulgo: „Funkarzt“) zu Innsbruck aufgenommen und beim abgebildeten Mercedes handelt es sich um den zweiten, 1979 angeschafften Funkarztwagen der Freiwilligen Rettung Innsbruck.

Die Aufnahmen, und das ist leicht zu erkennen, entstanden am Sillufer, wo das Rote Kreuz Innsbruck seit 1970 seine Rettungswache unterhält, und zwar an der südwestlichen Seite des Gebäudes. Wären wir damals vor Ort gewesen und hätten uns umgedreht, hätten wir die ehemaligen Tivoli-Sportstätten gesehen. Dass Richard Frischauf den Wagen genau hier fotografierte, mag kein Zufall sein, auch wenn die Aufnahmen wohl nicht im Auftrag des Roten Kreuzes Innsbruck entstanden: Beim Funkarztbetrieb handelt es sich um ein gemeinsames Projekt der Tiroler Ärztekammer mit der Freiwilligen Rettung Innsbruck; Arzt, Fahrer und Wagen waren bis 07.06.2019 hier stationiert, heute finden wir die Funkarztordination in der Fallmerayerstraße 5.

Der „Ärztliche Funkbereitschaftsdienst“ ist ein hausärztlicher Notdienst, der die niedergelassenen Allgemeinmediziner durch die Schaffung eines Bereitschaftsarztes mit zentraler Rufmöglichkeit am Wochenende entlasten sollte. Die Initiative zur Errichtung war ursprünglich von der Tiroler Ärztekammer ausgegangen: Bereits im August 1971 fand in Räumlichkeiten der Rettung Innsbruck eine Besprechung zwischen Vertretern der Ärztekammer und dem damaligen Chefarzt-Stellvertreter der Freiwilligen Rettung Innsbruck Dr. Karlheinz Erhart, während der Chefarzt Dr. Fritz Dullnig das Gesundheitsamt der Stadt Innsbruck leitete, statt. In dieser Besprechung wurden die technischen Einrichtungen, die Ausstattung der Räumlichkeiten – Funfact: Ein Fernseher, der bei eingehendem Anruf den Ton automatisch abschaltet! – und die organisatorischen Abläufe bereits derart konkret formuliert , dass davon ausgegangen werden muss, dass die gemeinsame Planung schon davor begonnen hatte, obwohl die Finanzierung zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt war. Ein Jahr später lagen Grundrisspläne des Obmannes des Roten Kreuzes Innsbruck Ing. Karl Pobitzer, der auch die mittlerweile abgerissene Rettungswache am Tivoli (1970 – 2024) höchstpersönlich geplant hatte, u. a. für ein „Ärztenotdienstzimmer“ im erst 1974 zu errichtenden Gebäude des Landesverbandes Tirol des Österreichischen Roten Kreuzes vor. Dieses stand als Stöcklgebäude hinter der Wache des Roten Kreuzes Innsbruck, wie diese auf eigenem, von der Stadt Innsbruck 1966/68 geschenktem Grund. Unser gegenständlicher Mercedes wurde von Richard Frischauf genau nun auf jenem Weg abgebildet, der nach hinten Richtung Landesverbandsgebäude führt, wo „der Funkarzt“ jahrelang untergebracht war.

Im März 1975 ließ die Ärztekammer bei der Freiwilligen Rettungsgesellschaft Innsbruck anfragen, ob sie bereit wäre, von Samstagfrüh bis Montagfrüh den Wagen sowie den Fahrer für einen „Ärztenotdienst“ zu stellen, was bejaht wurde. Dabei stand schon fest, dass sie gewillt war, den Funkarztdienst mit Beginn des Jahres 1976 starten zu lassen. Die organisatorische Durchführung lag bei einem eigens gegründeten Kuratorium, die ärztliche Leitung hatte Dr. Paul Petzer inne. Die Finanzierung der rund öS 400.000,–– teuren Investition konnte mit Hilfe des Bundesministeriums für Gesundheit und Umweltschutz, des Landes Tirol, der Stadt Innsbruck und der Tiroler Gebietskrankenkasse gesichert werden. Übrigens wurde im Rahmen der organisatorischen Vorbereitung im Oktober 1975 bei der Freiwilligen Rettung Innsbruck diskutiert, ob nicht auch Schwestern zum Fahren des Funkarztwagen zugelassen werden könnten. Das Ansinnen wurde mit der Begründung abgelehnt, dass „die Herren Abteilungskommandanten und der Dienstleiter glauben, daß die Ärzte und Ärztinnen es bestimmt ablehnen, mit einer Frau am Steuer zu fahren“. Es kann wohl als Treppenwitz der Geschichte gelten, dass Frauen damals zwar schon lange als Ärztinnen tätig sein konnten, ihnen aber nicht zugetraut wurde, ein Auto zu lenken. Und so ging der Ärztliche Funkbereitschaftsdienst am 2. Jänner 1976 in Innsbruck ohne Frau am Steuer in Betrieb.

Den ersten Funkarztwagen, einen VW-Golf, finanzierte die Gebietskrankenkasse zwar zinsenfrei vor, er war jedoch spätestens im Jahre 1978 abbezahlt und wurde von der Freiwilligen Rettung Innsbruck auch als sog. „Rettungstaxi“ (Transport von gehfähigen Patienten) sowie für andere Dienstfahrten im Rahmen der Rettung eingesetzt. Der Wagen war mit einem Funkgerät mit drei Frequenzen, einer Ärztetasche, einem tragbaren Sauerstoffgerät und einem Verbandskoffer ausgestattet. Bei Großunfall- oder Katastrophenlagen im Stadtgebiet konnte einerseits das Auto als Kommandofahrzeug abgezogen, da sein Funkgerät in das gerade im Aufbau begriffene landesweite Katastrophenfunksystem integriert wurde, andererseits die Funkärzte zur medizinischen Versorgung eingesetzt werden. Ein schönes Beispiel dafür, wie durch Synergien Ressourcen, die ursprünglich und primär anderen Verwendungszwecken zugedacht waren, für den Zivilschutz vorgehalten werden können. Während der Golf noch fremdfinanziert wurde, konnte der Mercedes als sein Nachfolger bereits durch die Erlöse des „Glückshafens“, einer damals von der Rettung Innsbruck bei Messen betriebenen Warenauslosung, nebst zweier Volkswagen-Rettungswägen spätestens im Oktober 1979 selbstständig finanziert werden. Er erhielt außerdem u. a. einen neuen Notarzt- und einen Wiederbelebungskoffer.

Schauen wir uns den Wagen noch einmal genauer an, so sehen wir an der Seite mit dem Schriftzug „100“ die Fahrzeugkennung sichtbar hinterlegt. Dem entspricht sein Funkrufname „Innsbruck 100“, mit dem er, wie der Namen schon sagt, angefunkt wurde. Das Kennzeichen „T 90.000“ folgt der Fahrzeugkennung. Die T-90.xxx-Kennzeichen waren damals der Freiwilligen Rettung Innsbruck vorbehalten. Der später hinzugekommene Funkarztwagen „Innsbruck 37“ hatte z. B. das amtliche Kennzeichen „T 90.037“.

Dass das Auto von Beginn an mit Sprechfunk ausgestattet war, ist dem System des „Ärztlichen Funkbereitschaftdienstes“ geschuldet: Es sieht einen in der Bereitschaftsordination verbleibenden Arzt sowie einen mobilen Arzt vor. Ein Anrufer kann in der Ordination telefonisch medizinischen Rat einholen, sieht es der diensthabende Arzt als notwendig an, dass vor Ort allgemeinmedizinisch zu intervenieren sei, beauftragt er den Fahrarzt mit der Durchführung, der von einem Fahrer des Roten Kreuzes Innsbruck zum Patienten gebracht wird. Sollte mittlerweile ein anderer Einsatz anfallen, kann mittelst der Funkverbindung auch der auf Fahrt befindliche Arzt zu einem Folgeeinsatz alarmiert werden, ohne in die Zentrale zurückkehren zu müssen. Fahrzeugkennung und Funkrufname blieben bis zur Einführung eines neuen Selektivfunkschemas (selektive Alarmierung einzelner Rettungsmittel/Personen oder Gruppen von Rettungsmitteln/Personen) im Jahre 1994 gleich, das wiederum 2011 durch das Funkrufschema des Rettungsdienstes Tirol abgelöst wurde, ohne dass das Funkarztfahrzeug damit im Verbund des Rettungsdienstes Tirol fahren würde. Der Funkarztfahrer ist damals wie heute in der Regel ein Ehrenamtlicher des Roten Kreuzes Innsbruck.

Autor: Ernst Pavelka

Fotos: StAI, FR-Ph-200 & FR-Ph-201 – Fotograf: Richard Frischauf

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