Neues vom Sillkanal
Wenn man in Wilten ein wenig gräbt, kommt gleich einmal die Stadtgeschichte an die Oberfläche. Bei den kürzlich abgerissenen Gstätten Ecke Mentl- und Sübahnstraße war das natürlich nicht anders.
Für eine Ausstellung beim Bogenfest und der zeitgleich stattfindenden Architekturtage haben die Kolleg:innen vom aut_architektur eine Doppelgeschichte ersonnen, bei der viele Bilder und einige Texte von uns aus dem Stadtarchiv zu sehen waren. Einerseits ging es um den Sillkanal und eine Reise entlang desselben in historischen Bildern (die auch als Führung angeboten wurde), andererseits um die Viaduktbögen, die man entweder mit Kollegin Renate Urspunger abwandern konnte oder im Kulturbogen 55 zahlreiche neue und alte Kalauer darüber zu lesen bekam. Für beide Teile haben wir ausführlich auf unser inoffizielles Innsbruck-Wiki vulgo Innsbruck Erinnert Sich zurückgegriffen.
Wir haben auch den bereits hier einmal gezeigten Plan neu eingescannt und auch neu interaktiv erschlossen. Spezielles feature ist der orange Drehknopf links oben, mit dem man sich die Karte um 180 Grad drehen kann, was die Lesbarkeit der vielen interessanten Einträge deutlich erleichtert.

In der Ausstellung zu lesen war auch dieser schon fast 80 Jahre alte Text aus dem Innsbrucker Amtsblatt:
Die kleine Sill
Staatsbibliothekar Dr. Hans Wieser, 1949 Amtsblatt der Stadt Innsbruck
Jeder richtige lnnsbrucker wird sich noch gut daran erinnern, wie vor den Bombenkatastrophen des zweiten Weltkrieges neben dem mächtigen, grünen Inn und der bescheideneren munteren Sill sich ein dritter Wasserlauf durch das Staatsgebiet hinzog, eben der Sillkanal oder die kleine Sill, wie er in den alten Zeiten gewöhnlich genannt wurde. Kleine Sill hieß er, weil er eine künstliche Abzweigung der natürlichen großen Sill darstellte.
Zum Fuße des Berg lsel nahm dieser Wasserarm beim großen Stauwehr des Sillfalles seinen Anfang, um dann geruhsam am uralten Kloster Wilten vorbei seinen Lauf durch die Stadt zu nehmen. Auf lange Strecken offen, Häuser, Villen und Gärten in seiner Oberfläche spiegelnd, dann wieder in einer Karstlandschaft unter dem Boden verschwindend unter Häuserblocks und unter Straßenzügen hindurch. Aber nicht müßig und als bloße Verschönerung des Stadtbildes zog er seine Bahn. Nach dem Willen seines Erbauers, Herzog Meinhards II., hatte er vielmehr ernste Aufgaben zu erfüllen. Nach dem verheerenden Brande der Stadt Innsbruck im Jahre 1292 war er angelegt worden, um die nötigen Wassermengen zur Bekämpfung weiterer Brände zu liefern, um die Ritschen, wie man die damalige Kanalisation nannte, mit Wasser zu versorgen und nicht zuletzt auch, um verschiedene Mühlen und ähnliche technische Anlagen mit Kraft zu speisen. Die meisten dieser Gebäude sind freilich im Laufe der Jahrhunderte längst verschwunden oder umgebaut worden. Nur ein oder das andere, wie etwa die alte Stiftsmühle in Wilten, stehen noch heute.
Daneben hat der Sillkanal aber bis in unsere Tage auch modernen technischen Betrieben die nötige Kraft geliefert. Wen hat nicht in früher Jugend das mächtige Rad der Hiblerischen Feigenkaffeemühle in seinen Bann gezogen, welches in gemächlichem Takte die breiten Schaufeln in die glitzernden Wellen tauchte, oder ein paar Schritte davon das bedeutend kleinere Rad der Holzhammerischen mechanischen Werkstätte, das sich viel geschäftiger drehte und dabei einen Sprühregen perlender Wassertröpfchen in die Luft schleuderte. Ein unvergessliches Schauspiel für jedes echte Bubenherz!
Von der Adamgasse abwärts trat der Lauf der kleinen Sill dann vor allem recht anmutig im Straßenbild lnnsbrucks hervor. Gleich hinter der Hiblerischen Mühle, unter den massigen Zinshäusern sich bergend, tauchte er in der Meinhardstraße – die ja bekanntlich nach dem Erbauer des Kanals ihren Namen trägt – wieder ans volle Tageslicht und führte seine Wasser, leise plätschernd und murmelnd, zwischen den grünen Hecken und Gärten und dem frischen Laubdach einer Akazienallee munter dahin. Was gab es da für ein Hallo, wenn es bei niedrigem Wasserstand einem Gassenbuben gelang, hier gleichsam mitten in der Stadt mit bloßen Händen eine richtige Forelle an Land zu befördern und mit seiner Beute stolz heimzuziehen. Selbst vorbeihastende Passanten wurden durch einen solchen ungewohnten Anblick für kurze Zeit neugierig angezogen. Hier in der Meinhardstraße „tankten“ auch oft an eigens angelegten Abzapfstellen die großen motorisierten Sprengwagen die nötige Wassermenge für ihre wohltätigen Fahrten durch die verstaubten Straßen der Stadt. Das geschah noch bis in die Dreißigerjahre unseres Jahrhunderts. Ein ausgesprochener Hilfsdienst des mittelalterlichen Bauwerks für die moderne Zeit! Hinter der Museumstraße änderte der Sillkanal wie mit einem Schlage sein Bild. Eingezwängt durch das Stauwehr der ehemaligen Bau‘rischen Fabrik und eng aneinander gedrängte Hausmauern tobte er förmlich wie ein Wildbach durch eine Schlucht tosend dahin. Hochauf schlugen weißgischtende Wogen. Erst zwischen den anstoßenden Gärten alter Vorstadthäuser beruhigte er sich dann allmählich wieder und zog unter dem bekannten „Daser-Brüggl“ in der Universitätsstraße friedsam seine Bahn weiter durch die Kohlstatt, einen zweiten Arm für ehemalige, nun längst vergessene Fischteiche oder für irgend einen mechanischen Kleinbetrieb abzweigend. Endlich etwas unterhalb des Maximilianischen Zeughauses führte er seine Wasser dann wieder in die große Sill zurück. Gerade dieser Landschaftspunkt wirkte ungemein malerisch, fast wie aus einem alten Bild geschnitten. Die feine Kontur des alten Hauses, umgeben von hohen, mächtigen Laubbäumen, im Vordergrund der breit dahinströmende Sillfluß, verstärkt durch den rasch einbiegenden Nebenarm. Nur wenige Städte werden ähnlich hübsche Szenerien zu bieten haben.
Überhaupt kann man feststellen, daß für jeden unbefangenen Besucher die kleine Sill eine ungemein erfrischende und belebende Note in das sonst ziemlich nüchterne Stadtbild des neueren Innsbruck brachte. Anderswo hat man diese städtebaulich bedeutsame Eigenschaft fließender oder stehender größerer Wasserflächen gestaltend verwendet. Es sei nur etwa an die Partien an der Isar oder beim Schloß Nymphenburg in München erinnert, an die malerischen klaren Straßenbächlein im Bild der Altstadt zu Freiburg i. Br. Letztere stellen nichts anderes als alte, geschickt umgestaltete Ritschen dar, die, heute ihrer ursprünglichen Bestimmung entkleidet, vorwiegend nur mehr ästhetischen Zwecken dienen.
Die Geschichte der kleinen Sill ist nunmehr beendet. Die Bombenangriffe des letzten Krieges haben sie so gründlich zerstört, daß sie, nicht mehr imstande, Wasser zu führen, nur mehr die Rolle einer übelriechenden Ablagerungsstätte für Schutt und Unrat bildete. Der Gemeinderat hat die Zuschüttung des Kanals beschlossen. Die Interessenten, welche bisher die Wasserkraft des Kanals nützten, legen wenig Wert auf dessen Wiederinstandsetzung, da sie die nötige Kraft für ihre technischen Betriebe heute einfacher und billiger als elektrischen Strom beziehen können. Die Stadt ihrerseits kann die hohen Kosten der Ausbesserungsarbeiten, wie der weiteren Erhaltung ebenfalls nicht tragen. So muss Innsbruck eines seiner ältesten baulichen Wahrzeichen, ein nicht alltägliches Baudenkmal des Mittelalters auf technischem Gebiete, verlieren.

