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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Richard Steidle (XIX.)

Richard Steidle (XIX.)

Der Schattendorfer Prozess begann am 5. Juli 1927. Die Geschworenenbank wurde besetzt von vier Arbeitern, drei Beamten, einer Hausfrau, zwei Landwirten und zwei Gewerbetreibenden. Der Angeklagte Hieronymus Tscharmann sagte aus, er habe mit dem Gewehr, mit dem er sich nicht ausgekannt habe, lediglich in die Luft geschossen. Josef Pinter gab an, bei der Gelegenheit zum ersten Mal geschossen zu haben. Anscheinend gab es weniger Fronterfahrung bei den Frontkämpfern, als man vermuten würde.  Einer der Zeugen, die in den ersten Tagen vernommen wurde, sagte aus, dass von Seiten des Schutzbundes ebenfalls – und v.a. zuerst – Schüsse gefallen seien. Diese Behauptung konnte allerdings im Laufe des Prozesses nicht bestätigt werden. Ein anderer Zeuge sagte aus, dass Steine gegen das Gasthaus geworfen wurden. Manche der weiteren Zeugenaussagen widersprachen beiden Behauptungen, andere schienen sie zumindest teilweise zu stützen. An der Wand des Gasthauses wurden sowohl die Einschläge von Steinen als auch Einschusslöcher gefunden, aber ob sie von den Ereignissen am 30. Januar stammten, wurde nicht festgestellt. Die Frontkämpfer wurden nach der Aussage eines Gendarmen, der nur wenige Steinspuren direkt nach dem Vorfall gesehen hatte, auch verdächtigt, später weitere Spuren hinzugefügt zu haben.

Die Innsbrucker Nachrichten mokierten sich im Zuge der Berichterstattung zum Prozess besonders über die Aussage eines vierzehnjährigen Zeugens. Als dieser für das Protokoll nach seiner Religion gefragt wurde, konnte er dies nicht beantworten – auf die Nachfrage, ob er römisch-katholisch oder protestantisch sei, antwortete er „Ich bin ein Roter!“ Die Innsbrucker Nachrichten sahen dies als Beweis der perfiden Indoktrinierung der Jugend durch die Sozialdemokraten. Ein zynischer Kommentator könnte natürlich fragen, weshalb ein römisch-katholischer 14-Jähriger nur gut erzogen, ein sozialdemokratischer hingegen indoktriniert ist.

Der Prozess war, gleich wie die ganze Republik, von der schweren politischen Spaltung geprägt. Alle Zeugen waren entweder einem der beiden Lager zugehörig, oder wurden zumindest von der Presse einem davon zugeordnet. Dementsprechend wurden völlig widersprüchliche Versionen des Geschehenen dargeboten. Ein Trend war klar erkennbar: Wenn die Zeugen nach für ihre Seite unbequemen Punkten gefragt wurden, hatten sie nichts gesehen. Das galt sowohl für die Frontkämpfer als auch den Schutzbund. Bis zum Ende des Prozesses war nicht klar, ob von Seiten des Schutzbundes Schüsse gefallen waren, geschweige denn ob sie vor oder nach den Schüssen vom Gasthaus kamen. Die Auseinandersetzung am Bahnhof zwischen dem Schutzbund und den neu ankommenden Frontkämpfern war ebenfalls ein ungeklärter Streitpunkt – je nach politischer Überzeugung war es ein brutaler Überfall oder eine kleine Schlägerei.

Eine amüsante Randnote in dieser ansonsten düsteren Angelegenheit ergab sich bei der Aussage des Inhabers des Gasthauses, Josef Tscharman:

Vorsitzender: Wie sind denn Sie zu den Frontkämpfern gekommen?

Zeuge: No, die Roten waren beim Moser und haben dort ihr Lokal gehabt; da hab‘ ich mir gedacht, ich muss doch auch so ein Geschäft machen, und so bin ich dann der Wirt der Frontkämpfer geworden.

Mann liest die Worte fast unwillkürlich mit der Stimme eines Qualtinger-Charakters.

(Titelbild – Schlagzeilen in den Innsbrucker Nachrichten und der Volks-Zeitung)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Wie habe ich neulich einen Kabarettisten reden gehört – die Demokratie beinhaltet das Werkzeug für ihre eigene Zerstörung- Und das politische Tohuwabohu der 20er, 30er, wie es auch aus den Steidl Beiträgen hervorgeht, erinnert mich allzu sehr an die heutigen Verhältnisse. Mit evangeliengleichen Parolen solange eine Widerspruchsmenge aufbauen, bis sich alles auf zwei Gruppen reduziert hat, eine davon unweigerlich eine zu Radikalisnus tendierende Nein-Sager Partei.

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