Zahl des Monats: #Oktober 2026
…fand in Wien ein hochrangig besetzter internationaler Bevölkerungskongress statt. Die Ergebnisse dieses dreisprachig – in Deutsch, Englisch und Französisch – abgehaltenen Kongresses wurden in einer 700-seitigen Publikation festgehalten, die sich auch in den Beständen der Landesbibliothek findet.
Acht Seiten dieses historischen Dokuments widmen sich einem Referat, das der 1996 verstorbene Stadtsoziologe Dr. Erich Bodzenta zusammen mit Dr. Norbert Freytag unter dem Titel „Das demographische und soziale Bild einer inneralpinen Großstadt“ über Innsbruck gehalten hat.
Darin wird die Demographie Innsbrucks, d. h. die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter, Geschlecht und Familienstand, mit jener der anderen österreichischen Landeshauptstädte verglichen und zudem auf die soziale Schichtung und die religiöse Struktur eingegangen. Besonders interessant sind aus heutiger Sicht die Ausführungen zur Altersstruktur.
In einer Tabelle auf S. 558 wird der Kinder- und Seniorenanteil der Städte Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien abgebildet. Unter der Tabelle heißt es: „Die Differenz zwischen Innsbruck (und Salzburg) einerseits und Wien und Graz andererseits ist doch so groß, daß sich daraus die „gesündere“ Altersstruktur der jungen Großstädte erkennen läßt.“

Quelle: Henry, Louis (Hrsg.): Internationaler Bevölkerungskongreß / International Population Conference / Congrès International de la Population, Wien 1959.
Unter dem 1959 zurecht in Anführungszeichen gesetzten Begriff einer „gesunden“ Altersstruktur wurde ein Verhältnis zwischen Kindern und Senioren verstanden, bei dem die Kinder einen höheren Anteilswert an der Gesamtbevölkerung einnehmen als die Senioren. Wie die Tabelle zeigt, lag der Kinderanteil in Innsbruck damals bei 20,3% und jener der Senioren bei 10,6%. Ähnlich jung war Salzburg mit einem Kinderanteil von 19,7% und einem Seniorenanteil von 9,2%, wohingegen Wien und Graz mit Seniorenquoten von 12,1% und 13,3% als in höherem Maße „überaltert“ als die Westmetropolen angesehen wurden.
Auch heute ist der Begriff des „demografischen Wandels“ bzw. der „demografischen Alterung“ in aller Munde und hat in den letzten Jahren den Weg aus den Fachkreisen heraus in die weitere gesellschaftliche und politische Debatte gefunden.
Es wäre spannend zu erfahren, wie die fachliche Einschätzung des vor 30 Jahren verstorbenen Dr. Erich Bodzenta zu den heutigen Kinder- und Seniorenquoten ausfallen würde: denn zwischenzeitlich hat sich die lange Zeit als „Bevölkerungspyramide“ bezeichnete Altersaufbaugrafik förmlich auf den Kopf gestellt. Am 1.1.2026 lag in Innsbruck der Kinderanteil bei 10,8% und der Seniorenanteil bei 18,3% (1951: Kinderanteil 20,3%, Seniorenanteil 10,6%).
Mit dem gegenwärtigen Altersaufbau gehen zweifelsohne zahlreiche gesellschaftlich-ökonomische Herausforderungen einher (man denke etwa an den Bereich der Pflege oder die Finanzierbarkeit des Pensionssystems), auch wenn die Begriffe „gesund“ oder „ungesund“ heute nicht einmal mehr in Anführungszeichen verwendet werden.
Danke für diesen erneuten Ausflug in die Welt der Zahlen. Der demografische Wandel hin zur überalterten Gesellschaft ist ja leider in allen wohlhabenden Ländern und den dortigen Städten eine Tatsache und hat Einfluss auf alles, von der Infrastruktur bis zum Lebensgefühl.
Niemand will in einer Stadt leben, die einem Altersheim gleicht; in Österreich gibt es Städte, die traditionell die Alten anziehen, wie etwa Graz, das früher als „Pensionopolis“ bekannt war, weil viele Wiener:innen das ruhige Provinzleben, den südlichen Touch und das etwas mildere Klima dort schätzten, oder natürlich Kurorte wie Bad Ischl. Der Überalterung kann nur durch verstärkte Zuwanderung begegnet werden, sonst wird der Sozialstaat und vieles von unserer Infrastruktur über kurz oder lang unfinanzierbar. Wie man es massiv falsch macht, zeigt Japan, wo es kaum Zuwanderung gab und gibt und die Hürden für eine Einbürgerung extrem hoch sind. Dieses einst sehr wohlhabende Land verfällt zusehends, und auch hastig aufgesetzte Einwanderungsprogramme können daran nichts mehr ändern. Dort rettet Technologie als Arbeitskräfteersatz zunehmend, was noch zu retten ist. Wenn es uns in Österreich und in der ganzen EU nicht gelingt, die zuwanderungsfeindlichen rechtsextremen Parteien wie FPÖ, AfD etc. loszuwerden, droht uns genau das Gleiche. Der hier dargestellte demografische Wandel in Innsbruck ist bereits eine direkte Auswirkung der eingeschränkten Zuwanderung. Es gibt nur deshalb ein zeitliches Offset und damit noch eine Gnadenfrist, weil wir über lange Jahre ausreichend viel und gut geregelte Einwanderung hatten. Umso wichtiger ist, dass Innsbruck sich weiterhin als Stadt der Zuwanderung, der freundlichen Aufnahme aller neuen Bürger:innen und der kulturellen Vielfalt positioniert, um dieses Abrutschen in die Überalterung wenigstens zu verlangsamen. Die aktuelle Prognose der Statistik Austria zur Einwohnendenentwicklung schaut jedenfalls für ganz Österreich nicht gut aus.