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8 Monate Anno 1902 (24)

8 Monate anno 1902 (24)

Kaum aus Levico zurück, begannen die Vorbereitungen für den Aufbruch nach Andlklaus, wie letzte Woche zu lesen war. Heute ist es soweit! Nach Aufbruchsstress und Wiedersehen mit einer Kurbekanntschaft landet Marie glücklich im Volderwald, von wo aus sie auch zum Fronleichnamsfest nach Hall spazierte. Allerdings war sie davon wenig angetan und erlaubte sich, das auch überaus deutlich zu äußern: „Überhaupt kam mir alles ziemlich leer vor; der Chor bestand aus ein paar stimmarmen alten Männern, kurzum, es fehlte mir in manchem manches.

Das höchste Gut wurde in diesem Jahr übrigens „von einem gebürtigen Haller, namens Dietrich, der 6 Jahre lang in Africa als Missionär wirkte“ getragen, schreibt Marie. Hierbei dürfte sie wohl etwas falsch verstanden haben. Der am 3. Juli 1864 in Hall geborene Andreas Alexius Dietrich, der am 6. Jänner 1887 in Salzburg seine Primiz gefeiert hatte, war nach verschiedenen Kooperatorenstellen tatsächlich ab 1896 (also seit 6 Jahren) als Missionar tätig – allerdings nicht in Afrika sondern in Stavanger in Norwegen! (ATA, 4.1.1912, S. 3) Sein goldenes (50-jähriges) Priesterjubiläum feierte er 1937 ebenfalls im Norden, in Drammen bei Oslo. (IN, 9.1.1937, S. 13) Zu diesem Zeitpunkt war Dietrich bereits lange Jahre norwegischer Staatsbürger. Über die Jahre bereicherte er die Tiroler Presse immer wieder mit kleineren Berichten über Norwegen. (ATA, 1.10.1924, S. 11).

Die Beschreibung des enttäuschenden Fronleichnamsfests hält für uns ein weiteres spannendes Detail bereit: Marie erwähnt beiläufig, dass sie „über den Doganaplatz“ eilte. Sucht man selbigen im Netz, findet man nur einen Eintrag auf sagen.at, wonach dies der Untere Stadtplatz sei. Dies bestätigt auch anno: Die Vorarlberger Landes-Zeitung vermeldete am 2. Juni 1903, der Stadtrat habe beschlossen „den untern Stadtplatz in Hall, jetzt ‚Doganaplatz‘, mit dem Namen ‚Kaiser Franz Josefs Platz‘ zu benennen“. Abgesehen von dieser Notiz tritt der Name jedoch ausschließlich in Annoncen auf – und das auch über das Jahr 1903 hinaus. Das deutet darauf hin, dass es sich nur um einen umgangssprachlichen Namen (ähnlich dem Franziskanerplatz in Innsbruck) handelte und vielleicht auch nur für einen Teil des Unteren Stadtplatzes gebräuchlich war. Können Hall-Experten noch etwas mehr Informationen dazu liefern?

27. Mai, Dienstag, Abzug nach Andlklaus. Schönes Wetter begünstigte heuer unsere Reise nach Andlklaus, weniger aber die Züge. 1. versäumten wir die Trambahn von 12.40 Uhr um einige Minuten; II. gieng der fahrplanmäßige Zug um 1.43 nicht, so dass wir mit 3 Hunden u. dem Kleingepäck zum Schnellzug eilten, den wir richtig erwischten. Im Nu waren wir in Hall, da rief‘s aus einem Coupé: „Herr Posch, Herr Posch!“ Wer war’s? – Herr und Frau Fischer-Gurig. Wir wechselten in Eile ein paar Worte; sie kamen direkt von Bozen u. fuhren ins Achenthal, – u. der Zug fuhr schon dahin; Tücherschwenken, dann nichts mehr. Der Weg nach dem Volderwald war sehr heiß, doch langten wir glücklich dort an u. begrüßten mit Freuden das l. Andlklaus. Madeleine hatte uns an der Bahn erwartet; drüben die gute Frau Mutter u. Müller Jörgl. Nun gieng‘s an das Auspacken und Aufräumen u. abends war so ziemlich alles schon an Ort u. Stelle. Wir blieben bis ½ 10 Uhr auf der Veranda sitzen, es war ganz sommerlich, was fast unglaublich erscheint, da wir am vorigen Sonntag noch tüchtig in Innsbruck einheizten. Der Apfelbaum an dem Balkon blühte noch immer weiter; gleich einem Riesenstrauß breiten sich seine Zweige aus. In der Wiese ist‘s blau von Vergissmeinnicht, kurzum, eine hier ganz ungewohnte Pracht.

28. Mai, Mitwoch. Schon der erste Morgen in Andlklaus war wolkenlos; ein unvergleichlich schöner Maientag war angebrochen. L. Onkel Nicolaus musste Gemeindesachen halber nach Hall; l. Tante Anna u. ich giengen zum „Schonweher“, „Grüß-Gott“ sagen. – Alles lässt auf morgen gutes Wetter schließen.

29. Mai 1902, Hl. Frohnleichnamsfest.

Wolkenlos strahlte heute der Himmel; es ist einer der so selten schönen Frohnleichnamstage! – Um ½ 6 Uhr stand ich auf, um ½ 7 Uhr wurde Kaffee getrunken. L. Onkel Nicolaus musste nach Ampaß zur Prozession; Margreth gieng zu den Patern in die 7 Uhr Messe, lb. Tante Anna u. ich wanderten um ¾ 8 Uhr nach Hall, u. nahmen bei der Schulkirche Aufstellung. Nach einigem Warten kam die Prozession; das höchste Gut wurde heuer nicht vom Hw. Herrn Decan getragen, sondern von einem gebürtigen Haller, namens Dietrich, der 6 Jahre lang in Africa als Missionär wirkte. Überhaupt kam mir alles ziemlich leer vor; der Chor bestand aus ein paar stimmarmen alten Männern, kurzum, es fehlte mir in manchem manches. Die ehrwürdige Gestalt des Hw. Herrn Oberkaplan fehlte; Er wird nun im Himmel ewiges Frohnleichnam feiern! Von der Fuchs‘schen Familie sah ich keinen Menschen, wohl aber allerlei Erinnerungszeichen an dieselbe! Martha u. Olga Bechtold giengen weißgekleidet mit dem Jungfrauenbunde. Vom 1. Evangelium eilten wir über den Doganaplatz zum II. Die goldenen Kugeln der Fahnenstangen funkelten wir Brenngläser u. Funken stoben auf in die klare Luft. Herrlich, immer schön, sandte der mächtige Springbrunnen die weißen Wassermassen in die Höhe, u. als Diamantenregen fielen sie glitzernd nieder; wolkenähnlich und stoßweiße strebten die Wasser gen Himmel, ein herrlicher Anblick! – Wir wohnten den 4 Evangelien bei u. dann der hl. Messe in der Pfarrkirche.

„Adoro te devote, latens Deitas! Jesu dulcis, Jesu pie, nobis miserere! – Nachher eilten wir nach Andlklaus, wo bald der l. Onkel Nicolaus kam.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-16394: Der Untere Stadtplatz in Hall mit der noch dampfbetriebenen Lokalbahn.

Hier geht es: Zum nächsten Eintrag (falls schon vorhanden), zum vorhergehenden Eintrag und zurück an den Beginn des Tagebuchs.

Dieser Beitrag hat 11 Kommentare
  1. Den Namen Doganaplatz findet man bereits 1892 im Annoncenteil der Innsbrucker Nachrichten:
    „Als Wirtschafterin sucht ein gebildetes Fräulein gesetzteren Alters, sehr tüchtig im Haushalte, Stelle zu einem oder zwei Herren, auch Witwer mit Kinder ; geht auch auf’s Land. Gefällige Offerte an Frau Lechner in Hall, Doganaplatz.“

    1. Ja, es ist eigentlich ein relativ kleines Zeitfenster und nur spärliche Erwähnungen: 1892 findet man diese Annoncen, 1903 die Umbenennung, aber noch 1924 taucht er als Doganaplatz auf.

  2. Der Name Doganaplatz rührt vom Dogana-Gebäude in Hall her.

    1907 hat es soviel geschneit, dass am 15. Jänner um 5 Uhr früh am Doganaplatz das Dach der Badeanstalt „zum weißen Kreuz“ durch Schneedruck in der Länge von 22 Metern eingestürzt ist. Dabei wurden mehrere Meter Mauerwerk mitgerissen!

    1. Danke für dieses Detail. Wie man übrigens dem verlinkten Zeitungsartikel von 1937 entnehmen kann, war sein Vetter der damalige Stadtpfarrer von Wilten, Prior Domenikus Dietrich

  3. Die Bedeutung der lateinischen Zeile im Tagebuch sollte man vielleicht etwas erläutern, zumal diese Worte nicht mehr allen adhoc geläufig sein dürften:

    Marie bezieht sich dabei auf den Hymnus „Adoro te devote“. Bei diesem Hymnus handelt es sich um einen von fünf Hymnen, welche anlässlich der Einführung des Hochfestes Fronleichnam (Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi) vom heiligen Thomas von Aquin verfasst wurden.

    Der betreffende Satz lautet übersetzt:
    In Demut bet’ ich dich, verborgene Gottheit, an, o süßer Jesus, o treuer Jesus, erbarme dich unser.

    Marie hatte als fromme Katholikin bestimmt ein Schott-Messbuch, wo man die lateininischen Texte mit der deutschen Übersetzung lesen konnte.

  4. Interessant ist auch die indirekte Erwähnung des Oberkaplans Alois Niedermayr. Auf alten Sterbebildern findet man immer wieder den Text:
    Möge er/sie im Himmel ewige Fronleichnam feiern.
    Möge er/sie im Himmel ewige Weihnachten feiern.

    Marie gehörte noch zu jener Großeltern- und Urgroßeltern-Generation, deren Glaube tief in den Traditionen der Kirche und in der Volksfrömmigkeit verwurzelt war. Die Religion bestimmte damals das Leben und den Alltag in einem wesentlich stärkeren Ausmaß, wie es heute kaum noch vorstellbar ist.

    Insofern ist das Tagebuch eine aufschlussreiche Dokumentation der damals üblichen religiösen Bräuche und Gewohnheiten.

  5. Danke Herr Auer für diesen Hinweis auf Kaplan Niedermayr, dessen Begräbnis Marie ja besucht hat (https://innsbruck-erinnert.at/8-monate-anno-1902-14/) wo sie aber nicht den erwähnten Bezug auf das Sterbebild herstellt. Und ganz herzlichen Dank auch für Ihre wertvollen Erklärungen zum Latein-Zitat. Ich konnte es mir übersetzen, aber mit einer schnellen Suche habe ich es nicht geschafft, den Hymnus exakt zu identifizieren.

    1. Gerne, lieber Herr Bürgschwentner!
      Die Serie „8 Monate 1902“ ist immer eine besondere Freude….. Das Leben und die Erlebnisse von Marie stehen exemplarisch für eine ganze Frauengeneration des Bürgertums im Alten Innsbruck.

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