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Rätsel (fast) Gelöst! Mit Den Augen Des Unbekannten Fotografen XVI

Rätsel (fast) gelöst! Mit den Augen des unbekannten Fotografen XVI

Seit fast zwei Monaten begleiten wir nun schon den unbekannten Fotografen – oder er uns. In der zweiten Folge habe ich darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um „ein tatsächlich ungelöstes Rätsel“ handelt. Noch.

„Denn wer weiß, vielleicht lassen sich in der Beschäftigung mit diesen Bildern zusammen mit unseren aufmerksamen und engagierten Leserinnen und Lesern neue Details entdecken. Vielleicht finden wir da und dort kleine Steinchen, die sich zu einem Mosaik zusammenfügen lassen? Wir werden sehen…“

Und diese Hoffnung hat sich letztes Wochenende erfüllt. Dem fast unfehlbaren Auge von Herrn Martin Schönherr ist es als erstes gelungen, den Garten zu identifizieren. Herzliche Gratulation! Aber statt uns die Antwort gleich direkt zu verraten, hat er zunächst noch weitere Hinweise gestreut – ein sehr feiner Zug, an dem sicher der eine oder die andere (ich eingeschlossen) noch Rätselfreude hatten!

Wenn man die Steinchen nun zusammenfügt, dann passt auf einmal vieles zusammen. Beim heutigen Foto ist natürlich ganz klar, wo wir uns befinden: Es handelt sich um den Innenhof des Palais‘ Tannenberg-Enzenberg in der Universitätsstraße 22-24. Ich selbst hätte dieses Gebäude aber nie mit dem Garten in Verbindung gebracht. Aber jetzt, mit dem Blick fürs Detail sehen wir auch: Links im Bild, das ist der zweigeschossige Anbau, von dem ein kleines Stückchen am linken Rand des „Terrassenblicks“ enthalten war.

Mit dieser Verortung löst sich auch das große Rätsel auf, in welchem Umfeld diese Fotografien entstanden. Unsere Linda, das ist wohl Theodolinde Gräfin von Enzenberg zum Freyen und Jöchelsthurn (1866-1951). Wie man einschlägigen Genealogiewebseiten entnehmen kann, war sie seit 1891 mit Rudolf Graf Vetter von der Lilie verheiratet. Das Paar hatte drei Kinder: 1892 kam bereits Tochter Auguste zur Welt und sechs Jahre später folgten die Zwillinge Bohuslav und Rudolph. Hier sitzen sie alle drei zusammen am Tisch im ersten Stock. Dem Alter der Buben nach wohl etwa um 1908-1910. Auch Linda lächelt vom Balkon. Womöglich neben ihrer Mutter?

Und der Fotograf? Zweifelsfrei identifizierbar ist er natürlich noch immer nicht. Wir wissen aufgrund von Foto-Beschriftungen, dass es sich um ein Familienmitglied handelte. Diese Familie, insbesondere Linda, begegnet uns auf einer Reihe von Bildern. Rudolf selbst ist hingegen auf keiner einzigen der über 100 Fotoplatten zu sehen. Hätte ein Dritter zwar Frau und Kinder, nie aber den Mann abgelichtet? Das wäre doch etwas seltsam, oder nicht? Außer es handelte sich um jemanden – eine Freundin, ein Kindermädchen oder ein Familienmitglied – die vornehmlich dann mit Linda und den Kindern Zeit verbrachten, wenn der Mann beruflich beschäftigt war. Das wäre möglich. Aber die gestellten Szenen im Egerdach und Amras deuten wohl eher darauf hin, dass die Bauern für jemand von Rang und Namen posierten, nicht? Also wenn man diese Mosaiksteinchen zusammenfügt, dann dürfte es sich beim Fotografen ziemlich sicher um Rudolf Graf von der Lilie höchtspersönlich handeln.

Friedrich Stepanek hat schon die Frage gestellt, ob Lindas Kleidung einer Frau Gräfin entspricht. Ich bin eigentlich auch eher von gehobenem Bürgertum ausgegangen. Genau so könnte man nun fragen, ob es einem Herrn Grafen entspricht, mit einer Kamera durch die Gegend zu knipsen. Und wenn man sich das heutige Bild ansieht, muss man sich eigentlich fragen, ob der fast desolate Gebäudezustand im Innenhof den Ansprüchen des Hochadels entsprach? Ich habe keine Antworten. Vielleicht gestaltete sich das adelige Alltagsleben im Detail etwas anders, als wir uns das 100 Jahre später vorstellen. Es bleiben also noch viele Fragen offen.

Und es bleiben natürlich auch noch eine ganze Reihe von Fotos, die es Wert wären, hergezeigt zu werden. (Das eine oder andere soll sogar bereits den Weg in einen Kalender gefunden haben.) Wir haben bisher ja erst 16 Aufnahmen gesehen und ich war fasziniert, über die verschiedenen Details, die Sie immer wieder entdeckt haben. Soll man nun aufhören, nur weil das größte Rätsel gelöst ist? Ich sage: Nein. Gerade jetzt, wo wir das Umfeld kennen, werden wir wohl sicher noch das eine oder andere Steinchen zu neuen Bildern zusammenfügen können…

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-Pl-721)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Rätsel gelöst – so eine Freude! 🙂
    Eine Anmerkung habe ich noch: Wenn man sich vor Augen hält, wie groß die um 1900 benutzte Kamera war (welches Format haben eigentlich die Glasplatten?) und wie sich der tatsächliche Vorgang des Fotografierens gestaltete, dann kann man wohl nicht wirklich von „knipsen“ sprechen, oder? Schnappschüsse konnten nicht riskiert werden, jedes Foto wurde in Szene gesetzt. Vor diesem Hintergrund sollte man sich auch die von diesem frühen Hobbyfotografen aufgenommenen Fotos in Amras nochmals zu Gemüte führen.

    1. Damit hast du natürlich recht; mit dem Wort „knipsen“ habe ich mich bewusst flapsig ausgedrückt. Wobei meines Wissens in dieser Zeit (auf jeden Fall 1910-20) auch schon handlichere Kameras auf den Markt kamen, die durchaus auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich waren und zur Verbreitung der Fotografie beitrugen. Auf die hier verwendete traf das aber wohl eher nicht zu. Die Glasplatten waren 13x18cm groß.

  2. Gibt es vom Palais Tannenberg-Enzenberg auch eine Glasplatte mit der Straßenseite?

    In meiner Sammlung habe ich eine private Ansichtskarte von 1911 mit der Vorderseite des Palais gefunden. Die Dame ganz rechts schaut bei einem Fenster heraus. Das Foto ist spannenderweise mit den Initialen RV und einer Grafenkrone signiert….. Wohl ein Hinweis auf den Urheber und Fotografen der Ansichtskarte…..

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