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Legendär: Zur Bocksiedlung Und Ihrer Entstehung

Legendär: Zur Bocksiedlung und ihrer Entstehung

So manche/r LeserIn wird sich noch an sie erinnern: die berühmte und auch berüchtigte Bocksiedlung, in der (damaligen) östlichen Peripherie Innsbrucks gelegen. Wenige Kapitel der Innsbrucker Geschichte sind wohl so „mythenumwoben“ wie die Bocksiedlung: Gerüchten zufolge soll sich nicht einmal die Polizei dorthin getraut haben. Die Siedlung nahm ihren Anfang wohl in den 1930er Jahren, als die Wohnungsnot in Innsbruck besonders groß war und existierte in etwa 40 Jahre lang. Bereits um die Entstehungsgeschichte ranken sich Mythen. Während manche sagen, der erste Siedler sei ein Kellner namens Otto Salcher gewesen sein, beschreibt der Tiroler Anzeiger am 1.6.1932 folgenden Werdegang der Siedlung:

„Kolonistensiedlung Reichenau – Besuch im jüngsten Dorf Tirols: Östlich von Innsbruck dehnt sich die Reichenau, ein großer Komplex von Wiesen- und Ackerland aus. Inmitten dieses Grundes stehen nun schon seit zwei Jahren kleine, winzigkleine Häuschen. […] Die Siedlung verdankt ihr entstehen einem Irrtum. Das kam so: Stand da hinter dem Städtischen Schlachthof schon seit Jahren ein Wohnwagen, wie ihn Zirkusleute benutzen. Darin hauste ein gewisser Rauth mit seiner Frau. […] Nun mußte aber der Platz, auf dem der Wagen stand, für den Neubau im Schlachthof freigemacht werden und Rauth mußte in die Reichenau übersiedeln. Ein Stück außerhalb von Amras liegt eine verlassene Schottergrube und dahin sollte der Wagen im Auftrage der Stadt überstellt werden. Eine andere Schottergrube, aus der heute noch Schotter entnommen wird, liegt mitten in den Wiesen und Äckern der Reichenau. Der Verwalter der städtischen Reichenau-Güter gab seinem Traktorenführer den Auftrag, den Wohnwagen nach der alten Schottergrube bei Amras zu führen, es wird aber wohl gerade an einem Montag gewesen sein, kurz und gut, der Traktorenführer stellte den Zirkuswagen nicht neben die alte, sondern neben die neue Schottergrube mitten in der Reichenau. Es dauerte nicht lange, da stand auf einmal neben dem einen Wohnwagen ein zweiter und dann ein dritter. […] Die Besitzer hatten die Räder von den Wagen abmontiert und die fahrbaren Wohnungen auf Ziegelfundamente gestellt. Da ließ sich nun nichts mehr ändern und die Gutsverwaltung beließ die Leute neben der neuen Schottergrube.“

1936 schilderte die Neue Zeitung, dass nun „neben kleinen Holzbaracken, Wellblechhäusern und Zirkuswohnwagen, einige ausgesprochen hübsche, neuzeitliche Blockhütten, ja sogar richtige Ziegel- und Betonbauten in der Bocksiedlung zu finden waren, 1950 sind es nach Zeitungsangaben 37 Hütten. Benannt war die Siedlung nach Johann Bock, „Clan“-Oberhaupt und Frächter von Beruf, der nach Aussagen von Zeitzeugen als „ungekrönter König der Siedlung“, oder auch „Lokalbürgermeister“ bezeichnet wurde. Er soll zwar ein „raubeiniger Geselle“ gewesen sein – jedoch in der Nachbarschaft sehr hilfsbereit und unterstützend gewirkt haben. Und genau dieser „Trend“ zeichnet sich auch in vielen Zeitzeugenberichten ab: gehörte man hier dazu, so fand man ein gutes Auskommen mit den Siedlern. War man aber ein Fremder, so war man auf der Hut vor den „Bockelern“ – immer wieder soll es auch Zusammenstöße von „Clans“ oder Cliquen gegeben haben – so gab es neben den „Bockelern“ etwa auch eine Clique in der „Stalingrad“-Siedlung. Im Inneren hielten diese Gruppen immer zusammen. Bocks Name taucht als Siedlungsbezeichnung übrigens erst in der Nachkriegszeit auf, davor wird sie als „Reichenauer Siedlung“ bezeichnet. Unser Foto stammt laut Angaben aus dem Jahr 1937, der Fotograf ist unglücklicherweise nicht bekannt.

(Stadtarchiv Innsbruck, Ph-18092; Provenienz: Ehringhaus-Thien Informationen: Melanie Hollaus/Heidi Schleich: Bocksiedlung. Ein Stück Innsbruck, Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Innsbruck 2017. In diesem Buch wurden viele Zeitzeugenberichte etwa von ehemaligen Bewohnern oder „Nachbarn“ der Bocksiedlung festgehalten, die auch viele der Gerüchte und Geschichten etwas ergänzten und auflockerten.)

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  1. Dieses Bild erinnert mich an eine Kanalbaustelle im Winter 1955 / 56. Meine Firma (bei der ich drei Monate vorher als junger Bautechniker begann und der ich dann 44 Jahre die Treue hielt) hatte gerade von der Stadt Innsbruck den Auftrag für einen Abschnitt des Hauptsammlers erhalten. Dieser führte entlang der Nordseite der Bocksiedlung in den Bereich Langer Weg / Abzweigung Valiergasse und sollte später der Zubringer zur Kläranlage werden. Da es diese noch nicht gab, errichtete man als Provisorium ein Entlastungsgerinne durch die damals noch gänzlich unbebauten Felder zum Inn, in den das Abwasser ungeklärt eingeleitet wurde. Mir wurden die Vermessungsarbeiten hierzu übertragen, verlegt wurden Schleuderbetonrohre mit einem Durchmesser von zwei Metern und einer Länge von drei Metern (zum ersten Male in Tirol in dieser Größe), hergestellt wurden die Rohre in Kehl am Rhein (!!), täglich wurden sechs Rohre mit zwei Fernzügen angeliefert!
    Beim Inn wurde ein Einleitungsbauwerk notwendig, in der Baugrube stand eine Wasserpumpe, die Tag und Nacht lief. An einem Montag morgens war die ganze Grube unter Wasser, die Pumpe gestohlen! Natürlich Anzeige bei der Polizei, die entsprechende Ermittlungen aufnahm. Für unserem Polier, dem Koidl Sepp aus Walchsee, war klar, dass sowas nur die „Bockeler“ anstellen konnten und er führte am Abend eigene Nachforschungen in der Bocksiedlung durch. Mit dem Ergebnis, dass er am nächsten Tag mit einem blauen Auge auf die Baustelle kam!

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