Wieder einmal in die Luft gehen
Luftaufnahmen sind so interessant, weil man immer so viel Neues entdecken kann. Eigentlich muss. Zuerst orientiert man sich einmal. Wo ist die Altstadt? Wo ist welche Hauptstraße? Wenn das geklärt ist, dann kann man sich der Datierung nähern. Das ist schon komplizierter. Meist geht es nur über noch nicht und nicht mehr existierende Bauwerke. Ganz selten fliegt der Pilot tief genug, dass man auch Autos oder Ähnliches erkennen könnte. Wenn man die Mode erkennen kann, ist man in wenigen Sekunden tot.
Auf dieser Aufnahme erkennen wir links unten recht eindrucksvoll das „Format“ der Gründerzeit-Bauten: Pädagogium, Hauptpost, Landesgericht.
Aber dieser Flug über die Innenstadt gibt wirklich viel her. Fleischbank, Rathaus-Innenhof, die Ufer des Inn.
Leider ist das Areal der Synagoge nicht zu sehen. Da fehlen uns gute Fotos. Nur so ein Hinweis, falls Sie was mit uns teilen wollen.
Nun hoffe aber auf Ihre Entdeckungen.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck Ph-5257)
Man könnte getrost einen Hunderter für jedes entdeckte Automobil zahlen müssen, man würde nicht verarmen. Gibts das wirklich? Trotzdem bleiben die Bürger brav auf den nach ihnen benannten Steigen.
Innsbrucks Stadtzentrum vor dem Bombenkrieg, könnte der Titel auch heißen. Neubauten waren damals schon ein Phänomen der Peripherie. Womit das „damals“ zeitlich garnicht so leicht einzuordnen ist. Das „Relief von Tirol“ leuchtet hinter dem Pädagogium zwischen Ästen hervor – der Flieger drehte am Nachmittag eines Spätwintertages (keinerlei Laub mehr auf den Bäumen) seine Runden. Eine Jahreszeit, in der der Flughafen theoretisch nicht in Betrieb war.
Einen Aspekt von Luftaufnahmen sei noch erwähnt, man konzentriert sich ja immer auf
bekannte Gebäude und Bausünden. Mich fasziniert immer der Einblick in die ansonsten dem Blick verborgene Welt der Hinterhöfe mit ihren Stöckelgebäuden, Schupfen, Garteln und nur dem Besitzer enträtselbare Unordentlichkeiten.
Diese fantastische Luftaufnahme von Richard Mycinski habe ich auch in meinem Bestand und auf „vermutlich 1928-31, jedenfalls vor 8. September 1940“ datiert; ab letzterem Datum war die letzte eingleisige Schnürstelle der Straßenbahn in der Maria-Theresien-Straße zwischen Altem Landhaus und Einmündung Anichstraße beseitigt, die hier in diesem Ausschnitt mit voller Auflösung noch gut zu erkennen ist: https://postimg.cc/XZHz4RC9
1928-31 machte Mycisnki seine Fotoflüge (alle? die meisten davon?), was diesen Zeitraum wahrscheinlich erscheinen lässt.
Und jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir auch gerade noch ein Mosaikstein für eine genauere Datierung auf, den ich damals übersehen hatte: eine Straßenbahn der Linie 4 fährt gerade in den eingleisigen Abschnitt in der Maria-Theresien-Straße ein, von oben zu erkennen am großen vierachsigen Triebwagen und den grotesk winzigen Beiwagen. Und zwar im Linksverkehr. Dass noch Ljnksverkehr herrscht, ist sonst am ganzen Bild nirgendwo zu erkennen. Somit ist spätestes Aufnahmedatum der 1. April 1930.
Auch zum frühest möglichen Datum ist mir (dank Kreutz, eh klar) noch etwas aufgefallen, nämlich dass der innere Marktgraben auch genau in dieser Zeit zweigleisig ausgebaut wurde, zweites Gleis ab 14. April 1929, und auf dem Bild das Gleisdreieck Marktgraben – Marie-Theresien-Straße – Herzog-Otto-Straße Burggraben bereits komplett zweigleisig ist.
Somit kann man das jetzt allein anhand der straßenbahnbezogenen Indizien mit Gewissheit datieren auf „April 1929 bis spätestens 1. April 1930“.