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„Wie Du Siehst, Lebe Ich Noch“

„Wie Du siehst, lebe ich noch“

Im Europa des Fin de Siècle waren Duelle keine Seltenheit. Zwar formierte sich von verschiedenen Seiten Widerstand gegen diese archaische Form der Selbstjustiz und auch das k. u. k. Kriegsministerium versuchte durch Erlässe den – bereits zeitgenössisch so genannten – Duellunfug zumindest einzudämmen. Dessen ungeachtet wurde von einem österreichisch-ungarischen Offizier erwartet, dass er gegebenenfalls seine „Ehre“ mit der Waffe verteidige. So heißt es in einer einschlägigen, vom Kriegsministerium autorisierten Schrift: „Von welchen Überzeugungen ein Offizier immer geleitet sein möge, er muß dessen stets eingedenk sein, daß im Offizierskorps kein Platz für denjenigen ist, der äußerstenfalls seine Ehre auch mit der Waffe in der Hand energisch zu verteidigen nicht jederzeit bereit wäre.“ Mit anderen Worten: Offiziere, die eine Forderung zum Duell ausschlugen, mussten den Dienst quittieren.

Allerdings beschränkte sich der „Duellunfug“ nicht nur auf das Offizierskorps. Auch Politiker, Beamte, Ärzte, Juristen und Studenten duellierten sich häufig. So lieferten sich etwa im Juni 1907 ein k. k. Eisenbahnbeamter und ein Gemeindearzt im niederösterreichischen Herzogenburg ein Pistolenduell, bei dem letzterer lebensgefährlich verletzt wurde. Im Dezember des selben Jahres duellierte sich auch der damalige ungarische Ministerpräsident Sándor Wekerle (1848-1921) mit einem Abgeordneten. Der Blick in die Zeitungen enthüllt aber nur die Spitze des Eisbergs.

Viele Duelle – zumal wenn sie ohne gröbere Verletzungen endeten – fanden keinen Eingang in die mediale Berichterstattung. Dies illustriert auch der untenstehende Brief aus dem Nachlass des späteren Inhabers der Saggen-Apotheke Adolf Breuer (1890-1982). Der Briefschreiber schildert darin ein morgendliches Pistolenduell in der Nähe von Egerdach:

Liebster Dolfi!
Du bist der erste, der vom Ausgang meiner Pistolenaffäre erfährt.
Wie Du siehst, lebe ich noch – nur die Schrift ist etwas schlecht, denn meine Hand zittert noch …
Also ich erhielt einen ganz leichten Streifschuß am Schulterblatt, brauchte gar nicht verbunden zu werden – doch der Rock ist futsch. Der Gegner ging leer aus.
Es war wie in einem Roman, eine trübe Morgenstimmung, grau bewölkt, regnerisch. Ein kleines ebenes Fleckchen in einem Laubwald durch den ein Bach rinnt.
Ich war – von Herzklopfen abgesehen – sehr ruhig – freilich als ich den Schuß bekam und nicht gleich wußte, daß er ganz ungefährlich sei, meinte ich umfallen zu müssen, infolge des Schreckens! Doch ich hielt mich mit Gewalt aufrecht und gab – sicher zielend – meinen Schuß ab, der dem Gegner 1/2m entfernt am Kopfe vorbeipfiff. Dann erst ich rief ich – „bin angeschossen“ – natürlich stürzte alles auf mich, der Dr. aber sagte – es ist nur die Haut geprellt – das war eine große Freude … S… [?] Franzl hätt[e] mich beinahe umarmt.
Ich schoß mit der linken Hand. Hätte ich rechts geschossen, wäre mit der Schuß unbedingt in die Brust gegangen.
Dabei waren nur Vogl und Hauser als Sekundanten und S… [?] Franz. Wir fuhren in einem Wagen bis Egerdach, von wo es bis zum Kampfplatz nur mehr 5 Minuten zu gehen war. Soviel für heute. Kann nicht mehr schreiben.
Freue mich unendlich noch ein paar Jahre mit meinen Freunden verleben zu können.
In Treue Dein aufrichtiger Freund Walther
PS: Beste Grüße an Dein Schwesterlein und herzlichsten Dank für die eben eingetroffene Karte.

(StAI, Nachlass Adolf & Bertha Breuer)

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