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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
True Crime Kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Prolog

True Crime kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Prolog

Lesen Sie gelegentlich oder regelmäßig in den österreichischen Medien Live-Ticker von Aufsehen erregenden Prozessen? Waren Sie bei Benko, Grasser, Ochsenknecht und co. in Echtzeit dabei, als diese Herren – manche schneller, manche langsamer – in den Fokus der österreichischen Justiz gerieten? Das Interesse an solchen Formaten ist so alt wie die Idee öffentlicher Gerichtsverfahren selbst. Spektakuläre Prozesse waren – von Mord und Totschlag über einfache Bereicherung bis zu politisch heißen Themen – auch schon vor 100 Jahren überbucht; die dabei oft anwesende flugunfähige Spezies der Gerichtskiebitze ist eine in allen Schwurgerichten einheimische Vogelart. Ihre neugierigen Vertreter:innen werden auch gelegentlich von jenen kritisiert, die selbst keinen Platz mehr im Saal gefunden haben und sich danach alles erzählen lassen müssen.

Die beliebten modernen True-Crime-Podcasts gehen bisweilen Gerichtsverfahren und Urteile noch einmal genau durch. Durch die unsichtbare Handschrift der Gestalter:innen dieser Hörstücke wird ein roter Faden in die Geschichte gebracht. Vorwissen wird nachgereicht, Juristenlatein verdeutscht, Kontext hergestellt. Immer noch gilt hier: Je näher das Geschehene geografisch an der Heimatstadt oder thematisch an spektakulären Verbrechen gelagert ist, umso populärer wird der Fall. Man ist froh, nicht dabei gewesen zu sein und möchte es danach doch ganz genau wissen.

Hat man einfach keine Zeit gehabt sich das Geschehen im Justizpalast live anzuhören und besonders beim schaurig-kulminierenden Höhepunkt des richterlichen Wahrspruchs auf „schuldig“ oder „nicht schuldig“ dabei zu sein, konnte und kann man damals wie heute alles in der Zeitung nachlesen. Das Format der Gerichtssaalreportage ist dabei über viele Jahre fast unverändert geblieben. Ein Reporter (mehr Männer als Frauen) sitzt im Auditorium und schreibt in Steno mit, was geschieht und was gesprochen wird. Aufnahmen aller Art sind nur bei uns nur vorher und nachher erlaubt.

Im Stadtarchiv Innsbruck befindet sich der Nachlass von René Oetzbrugger (1924-2009), der viele Jahre in der Tiroler Tageszeitung über Prozesse geschrieben hat. Später entwickelte er dann ein lokales Ombudsmann-Format in Nachfolge der Wiener Ideen des Helmut Zilk, für den er gelegentlich auch ORF-Beiträge gestaltete. Oetzbrugger war als blutjunger Journalist schon im Jahr der Gründung der TT eingestiegen und lieferte sich damals und noch einige Jahrzehnte lang scharfe Briefduelle mit dem ebenfalls sehr jungen Herausgeber Joschi (wie er ihn ansprach) vulgo Josef Moser.
Der Jurist Oetzbrugger versuchte sich darin, moderne Artikel über Gerichtsverfahren zu schreiben. In vielen theoretischen Überlegungen dazu wog er die Vor- und Nachteile des Revolverjournalismus gegen einen mehr soziologisch-verständnisvollen Zugang ab. Ob nicht Letzterer noch mehr dem Bedürfnis der braven Bürger:innen entspricht, sich tief in die Seele des (meist männlichen) Täters einzuspinnen und sich dabei auch in die Welt der Opfer und ihrer Angehörigen einzufühlen, bleibt dahingestellt. In den 1970ern wurde René Oetzbrugger populärer TT-Ombudsmann und versuchte auch, einen europäischen Kongress dieser Subspezies zu organisieren, was allerdings nicht nachhaltig gelang.

Der Stadtrundgang 1903

Nichts des oben Genannten hat nun konkret etwas mit unserem ausführlichen True Crime Stadtrundgang zu tun. Wir befinden uns im Sommer des Jahres 1903, es erscheint ein langer Gerichtssaalreport, den Sie, so bald ich daraus zitieren werde, natürlich googlen können. Ich empfehle, es nicht zu tun. Man liest bei einem Agatha Christie Krimi ja auch nicht die letzten fünf Seiten zuerst bzw. wenn man es tut, bringt man sich um das eigentliche Vergnügen.

Lesen Sie hier morgen: #Teil 1 – Einleitung und Vorstellung der Täter.

PS: Der Artikel über diesem Beitrag ist ein Symbolbild aus dem Jahr 1867 und ein frühes Beispiel eines „Aus dem Gerichtsaale“-Artikels (es gibt dazu mehr als 2000 Treffer in der digitalen UB-Zeitungslandschschaft), bei dem gelegentlich auch jemand aus dem Gerichtssaal entfernt werden musste; meistens fungiert diese Zwischenüberschrift jedoch als Readbait für interessierte Zeitungsleser:innen.

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