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Schwester Caritas Gibt Vollgas

Schwester Caritas gibt Vollgas

In den 1940-er Jahren waren Frauen am Steuer eines Autos noch eine Seltenheit – speziell wenn es sich bei der Fahrerin um eine Nonne handelte. Schwester Caritas vom Orden der Kreuzschwestern, die technisch sehr interessiert war und als technische Assistentin und Röntgenschwester arbeitete, bekam die Erlaubnis des Generalmutterhauses in Ingenbohl (Schweiz) die Fahrprüfung zu absolvieren und danach ein Auto zu lenken. In der Tiroler Tageszeitung vom 10. Juli 1948 erschien ein großer Artikel unter dem Titel „Die motorisierte Nonne“, in dem es unter anderem heißt: „So oft Schwester Caritas vom Orden der Kreuzschwestern mit ihrem 32-PS-Hansawagen durch die Straßen Innsbrucks steuert, oder ins Mutterhaus nach Hall flitzt, schauen ihr die Fußgänger erstaunt nach und die Verkehrsposten lächeln. Eine Nonne am Steuer! Unglaublich!“ Schwester Caritas berichtete dem interessierten Reporter zu diesem Thema folgendes: „Ich habe mir immer schon gewünscht, einen Wagen zu lenken, aber daß es einmal wirklich dazu kommen würde habe ich nie gehofft.“

Bevor das Sanatorium der Kreuzschwestern in der Kaiserjägerstraße ein eigenes Fahrzeug erwarb, setzte sich Schwester Caritas gerne hinter das Steuer der Ärztewagen, die regelmäßig vorfuhren. In dem TT-Artikel wird dann über das weitere Geschehen berichtet: „Schließlich kaufte sich das Sanatorium ein Opelwrack, und nun war Caritas in ihrem Element. Sie besorgte einen Bestandteil nach dem anderen und war erst zufrieden, als die Kiste fahrbereit war.“ Einige Zeit später wurde der alte Opel gegen einen Hansa ausgetauscht und zum Zeitpunkt des Interviews war Schwester Caritas schon 4000 Kilometer unfallfrei gefahren. Auf die Frage des Reporters, ob sie auch kleine Pannen beheben könne, antwortete sie selbstbewusst: „Ja, ich kann z. B. den Vergaser oder die Zündkerzen reinigen und habe schon einmal mitten auf der Landstraße einen Patschen behoben.“ Außerdem kümmere sie sich selbst um alle Belange des Autos und habe „zu Bestechungszwecken“ immer eine Packung Zigaretten in der Tasche, „damit die Mechaniker in der Garage lieber helfen, wenn ich einmal zu wenig Zeit habe.“ Weiters berichtete sie, dass sie eine regelmäßige Autozeitschriftenleserin sei und sich einen hübschen Wagen, „der nicht aus der Zeit Noahs stammt“, wünschen würde.

Nur manchmal war Schwester Caritas das Aufsehen, das sie als Autofahrerin erlebte, doch etwas zu viel. So erzählte sie dem Artikelschreiber: „Manchmal vergessen die Leute auf der Straße vor Verwunderung auszuweichen, wenn sie mich kommen sehen, und beim Tanken an den Benzinpumpen gibt es regelmäßig erstaunte Gesichter.“

Die beiden Fotografien zeigen das Sanatorium der Kreuzschwestern in der Kaiserjägerstraße. 1980 zog das Sanatorium in einen Neubau nach Rum um und ist nun unter dem Namen „Privatklinik Hochrum – Sanatorium der Kreuzschwestern“ wohl den meisten LeserInnen bekannt.

(Stadtarchiv Innsbruck, Ph-31597, Ph-18195)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Sehr berührend! Schwester Caritas war meine Großtante, ich erinnere mich noch gut an ihren hellgrünen Ford Taunus 20 M (Baureihe P5), mit dem sie uns oft besucht hat! Da gibt‘s sicher noch Fotos…
    Ihr Wirken im Sanatorium der Kreuzschwestern war der Hauptgrund, dass ich dort in der Kaiserjägerstraße auf die Welt gekommen bin.
    Danke für den Beitrag mit Familienbezug!

  2. Schwester Caritas war eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, unwahrscheinlich aufgeschlossen und fortschrittlich in ihren Einstellungen. Obwohl schon 1974 verstorben mit Anfang 60, gibt es doch viele Erinnerungen. Sie war übrigens die Schwester des von den Nazis abgesetzten, früh verstorbenen Amraser Schuldirektors Roman Seeber, meines Großvaters.

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