„Schund und Sünde“ in Innsbruck 1918/19
Im Juni 1918 wurde am heutigen Standort des ORF- Zentrums und des ehemaligen Exl-Theaters das „Apollo-Varieté“ eröffnet, finanziert wurde die Unternehmung vom jüdischen Geschäftsmann Karl Löwy.
Im Bericht zum Eröffnungsabend (Innsbrucker Nachrichten 3.6.1918, S. 3) wird neben einer Kunstpfeiferin und einem Bauchredner das Wiener Volkssängerpaar Georg und Gusti Eder lobend erwähnt, am meisten Aufsehen dürften allerdings doch „die durch hübsche Lichteffekte in ihrer Wirkung noch gehobenen Phantasietänze der ‚Wewerka‘“ erregt haben, was aus erhaltenen Bildpostkarten der überaus leicht bekleideten Tänzerin zu schließen ist.

Sammlung Rathmayer/Hupfauf
Kurz darauf war das Etablissement ein heißdiskutiertes Thema in einer Sitzung des Innsbrucker Gemeinderates. Dieser vermutete illegale Machenschaften im Umfeld des Varietés und stellte die Sittlichkeit des Programmes sowie die Sinnhaftigkeit einer solchen Einrichtung für das Ansehen der Tourismusstadt in Frage. Auch wurde diskutiert, welche Steuereinnahmen aus diesem „Schund“ (Innsbrucker Nachrichten 14.6.1918, S. 4) zu erwarten seien. Aus dem Umfeld des Varietés erfolgte eine Gegendarstellung in der Tageszeitung, in der man die Notwendigkeit eines Varietés für die Bedürfnisse einer modernen ‚Fremdenstadt‘ betonte, die entstehenden Arbeitsplätze, die zusätzlichen Steuereinnahmen für die Stadt etc. (Innsbrucker Nachrichten, Abendblatt, 18.6.1918, S. 3).
Aus dem Jahr 1919 ist ein Programmzettel des Apollo Varietés erhalten geblieben, eine Nummer unter vielen: „Hansi Rom, Damenimitator“. Hinter diesem Begriff versteckt sich nichts anderes als eine Travestie- Show. Allerdings lesen wir die handschriftliche Ausbesserung „Russisch ung. Tanz“, vielleicht hatte man das Programm doch in letzter Minute geändert, um dem Publikum nicht zu viel zuzumuten.

Sammlung Kurt Klieber
In den Zeitungen ließ der Künstler sich oft mit „??? Hansi Rom ???“ ankündigen, vielleicht um nicht zu viel über seinen Auftritt zu verraten.
Hansi Rom in Kostüm ist ebenfalls auf einer Bildpostkarte überliefert.

Sammlung Rathmayer/Hupfauf
Zur Zeit von Hansi Roms Gastspiels in Innsbruck lenkte bereits ein anderes Familienmitglied der Löwys die Geschicke des Apollo Varietés: Der als „reicher Jude“ bekannte Karl Löwy war einem Raubmord zum Opfer gefallen. Seine Witwe Valerie übernahm die Geschäfte. Fortan lesen wir meist von der „Varieté-Unternehmung Löwy-Pitschmann“. Bei näherer Recherche über den Lebemann Eduard Pitschmann – der in der Öffentlichkeit stets als Direktor des Varietés auftrat – kommt zutage, dass dieser die Geschäftsführung lieber seiner Mutter – Marianne Pitschmann überließ.
Zwei Frauen als Betreiberinnen eines Varietés in Innsbruck (eine davon Jüdin), in dem Nackttänzerinnen und Damenimitatoren auf der Bühne standen – und das alles noch vor dem Jahr 1920.
Diese und andere Geschichten aus dem Innsbrucker Nachtleben der Zwischenkriegszeit erzählt das Siegerprojekt der gedenk_potenziale 2026:
Der Zeitreiseführer „Schund und Sünde“
Der digitale Zeitreiseführer entführt mithilfe von Collagen, 3D-Rekonstruktionen und theatralischer Inszenierung im Hörspiel-Stil in die Lokale des Innsbrucker Nachtlebens der Zwischenkriegszeit. Eine virtuelle Welt, durch das Smartphone für jede und jeden zugänglich, gebaut aus aktuellen wissenschaftlichen Quellenfunden. Ein Werkzeug für eine aktive und zukunftsoffene Gedenkarbeit.
Präsentation des Zeitreiseführers:
Die Bäckerei, 5.5.2026, 17 Uhr
Zeitreiseführer Team: Manuela Rathmayer, Sandra Hupfauf, Stefan Hartlieb, Konrad Kuhn
Ausführung: Julienne Schult, Locandy GmbH
Im ehemaligen Hotel „Neue(?) Post“ in der Maximilianstraße 3 befand sich, wie in einem früheren Beitrag bereits erwähnt, das „Föhn-Kasino“, betrieben ebenfalls von der Witwe mit ihren Söhnen.
Da meine mütterlicherseitige Herkunftsfamilie – und ich bis zur Bombardierung – in diesem Hause wohnhaft war, ist mir der Name Löwy gewissermaßen von klein auf ein Begriff –
– und auch die Geschichte der Nachkommen. Tochter Irma (die lt. Aussage meines Onkels vom Kasinobetrieb ferngehalten wurde!) hat als Gattin von Josef Krug in Hötting den Krieg überlebt „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan“
Ihr Sohn Gottfried Halef Krug war Musik(lehr)er (am Gym Volders, soviel ich mich erinnere) und hat als Manager zum Aufbau des Erfolgs der „Zillertaler Schürzenjäger“ maßgeblich beigetragen.
Und – falls ich es schon erzählt habe, bitte ich um Entschuldigung, daß ich es nochmals tue! – als mein Onkel Konstantin Nicolodi, damals so alt wie ich heute – und nicht mehr so gut zu Fuß, im Rapoldipark rasten wollte, waren alle Ruhebänke voll besetzt.
Bis auf eine, auf welcher drei Frauen saßen.
Er ging hin und bat „Mei – kanntn Sie a bißl zammenrucken, weil na hatt i aa Platz…!“ Ja. Und – interessiert fragte er „Entschuldigung, sein Sie aus Italien? I moan, weil Sie so dunkle Haar ham? Weil na kanntn mir uns auf Italienisch unterhalten.“
„Nein….“ sagten zwei zurückhaltend – und die dritte ergänzte „…jüdisch!!!“
„Aber nitt von der Löwy Irma?“ fragte mein Onkel erstaunt.
„Wieso – woher – ja – kennen Sie unsere Mama?“
Ob es noch ein Zusammentreffen gegeben hat oder nicht, das weiß ich nicht.
Mein Onkel ist drei Tage vor seinem 90.Geburtstag am 5.6.1990 verstorben.
Frau Irma Krug geb. Löwy am 23.12.2002
Herr Gottfried Halef Krug am 25.1.2023