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Post Aus Kansas City

Post aus Kansas City

Im Dezember 1905 erhielt der 28jährige Städtische Lehrer Heinrich Rendl Post von seiner älteren Schwester Veronika († 1918) aus Übersee. Sie hatte offenbar in der Habsburgermonarchie keine Zukunft gesehen und war mit ihrem Mann Hans Taxacher in die USA ausgewandert. Im Laufe des Jahres 1905 übersiedelten sie von Gas City im Bundesstaat Indiana nach Kansas City. Wie es dazu kam, schilderte sie am 23. November 1905 ausführlich ihrer Familie in Tirol, ebenso ihre ersten Eindrücke vom neuen Wohnort:

Meine lieben, theuren Alle!
Nach dem Empfang Deines Briefes lieber Heinrich wäre es wohl längst an der Zeit gewesen, Dir, beziehungsweise Euch zu schreiben. […] Als erste u. nicht geringste Neuigkeit wirst Du wohl schon am Poststempel errathen haben, daß wir unseren Wohnort verändert haben.
Wir haben aber in Gas City auf der Post unsere jetzige Adresse angegeben, so daß uns allenfalls später eingelaufene Briefe nachgeschickt werden können. […]
Es ist unglaublich, mich drückt es, daß ich schon so öange nicht geschrieben habe, denn wir sind schon seit 22. Septbr. hier, aber vor lauter warten auf den Brief von Cilli [Rendl = Schwester], verschob ich es immer, u. jetzt kann ich’s kaum erwarten bis ich eine Nachricht bekomme, obwohl, wie ich hoffe, ja alles in Ordnung sein wird bei Euch Allen, die mir lieb und theuer sind. Ich bin in meinen Träumen immer in der Heimat. […]
Ihr werdet Euch natürlich darüber verwundern, daß wir von Gas City fort sind, da es uns dort ja ganz gut gegangen ist. Wir hatten jedoch verschiedene Gründe dazu. Die heiße Arbeit in der Schmelze ist für die längere Zeit doch ungesund. Hans hat immer wieder so schlecht ausgeschaut, kaum war er einmal besser. Andre Arbeit für einen Mann der die Sprache nicht vollkommen beherrscht gibt es dort nicht. Der Ertrag des Hotels allein ist zu wenig um in die Höhe zu kommen, u. auch zu wenig Beschäftigung für Hans. Bis jetzt waren wir durch keinen Kauf gebunden aber im Winter hätten wir’s fest übernehmen müssen. Da wir nun doch nicht Absicht hatten, recht lange in dem Ort zu bleiben, so gingen wir schon im Septebr., da es um diese Zeit auch wo anders noch Arbeit gibt. Man kann dort auch in keine Schule gehen u. solange man die Sprache nicht in Wort u. Schrift bewältigt, ist man hier nur ein halber Mensch u. kommt nicht vorwärts. Ich glaube auch Gas City ist die heißeste Stadt in Kansas. Mir kommt schon der Schweiß wenn ich daran denke an den Sommer. Wir hatten also zuerst die Absicht nach Colorado zu gehen, sind aber dann hier her, nasch Kansas City, der Hauptstadt vom Staate Kansas und Missouri. Wir haben es auch noch keine Stunde bereut, Hans hat gute Arbeit gefunden, er verdient soviel wie dort, wir haben ein hübsches Haus auf einem Hügel am Fluß und das Leben ist hier billiger wie dort. Es sind auch einige deutsche Familien hier, sogar einen Pustertaler haben wir getroffen, einen ehemaligen Tiroler Sänger. Ich könnte Euch von den Schicksalen dieser Menschen manches erzählen, aber das würde zu weit führen.
Kansas City ist eine große Stadt, 4,500.000 [sic] Einwohner od. mehr, ein Drittel davon sind Neger u. Mischlinge. Es gibt hier große Waarenhäuser [sic] u. Geschäfte wie in Europa, schöne, vornehme Villen für die Reichen, schmucke Häuser für die Arbeiter und den Mittelstand, viel Not u. Elend für die ganz Armen, ein großes, günstiges Terrain für Spitzbuben, Naturschönheiten in Fülle, alles, nur keine deutsche Gemütlichkeit.
Wir ve[r]langen uns auch gar keine Gesellschaft, wir bleiben am liebsten zu Hause oder machen einen Spaziergang über die Hügel, denn die ganze Stadt steht auf lauter Hügeln, felsige u. bewachsene. Es gibt ein schönes Bild, wenn die Bäume grün sind. Jetzt ist auch das Laub abgefallen, aber bis gestern war es so warm, wie im Sommer in Tirol. Heute, während ich schreibe, hat’s endlich geregnet und es blitzt u. donnert so regelrecht als ob wir im August wären. Am Ende kommen auch wieder die Mosqitos [sic], die haben uns elend gestochen noch im Oktober.
Hier ist auch in der Nähe eine katholische Kirche und Schule, und eine deutsche Schulschwester erteilt Unterricht im Englischen. Wir werden nach dem strengsten Winter dann Abendstunden nehmen. Im Winter ist es zu kalt zum gehen und mit der Straßenbahn ein zu großer Umweg. Es gibt nichts hier, wie lauter Eisenbahnen u. Straßenbahnen, es ist eine richtige amerikanische Geschäftsstadt. Lärm u. Trubel u. Reklame, doch gewöhnt man sich daran; vor dem Hügel an unserem Haus, knapp am Fluße fahren die Züge auf vier Geleisen. Das Haus zittert in allen Fugen, aber ich hör es gar nicht mehr in der Nacht, so bin ich’s gewohnt.
[…]
Und nun lebt wohl und seid alle recht herzl. gegrüßt von Euren Euch liebenden Vroni u. Hans

Hochzeitsanzeige von Hans Taxacher und Veronika Rendl, München 1902.

(StAI, Kleinsammlung Familie Rendl)

Dieser Beitrag hat 13 Kommentare
  1. Ein sehr berührendes Auswandererschicksal, vielen Dank, lieber Herr Egger!

    Laut der „Ellis Island Passenger Search database“ mit 65 Millionen Daten ist Johann Taxacher wohl bereits 1904 mit dem Schiff Kroonland nach Amerika ausgewandert. Seine Frau Veronika Taxacher kam dann 1905 mit dem Schiff Bremen nach.

  2. Später war Heinrich Rendl als Direktor der städtischen Mädchen-Hauptschule tätig und trug den Diensttitel eines Schulrats. Da wohnte er dann schon nicht mehr in der Sonnenburgstraße, sondern interessanterweise in der Andreas-Hofer-Straße 22.

  3. Heinrich Rendl wurde 1877 in Schwaz geboren. 1938 gab es ein Jahrgangstreffen, wie die Innsbrucker Nachrichten zu berichten wissen:

    „Wiedersehensfeier des Geburtsjahrganges 1877. Am
    Sonntag, 6. ds., um 1 Uhr hielt der Geburtsjahrgang 1877
    beim Gasthof Schaller in Schwaz eine Zusammenkunft
    ab. Laut Auszug des Pfarramtes wurden im Jahre 1877
    in Schwaz 67 Knaben geboren. Anwesend zur Wieder­-
    sehensfeier waren 25, laut Schreiben entschuldigt 10, bis
    zum 6. Februar 1938 gestorben 17, nicht zu verständigen 4,
    verhindert 11, zusammen 67. Herr Schalter als Einberufer
    begrüßte die Erschienenen, worauf Schulrat Heinrich Rendl
    von Innsbruck zum Vorsitzenden gewählt wurde. Er be­-
    grüßte alle Schulkameraden besonders Lehrer Siber, als
    einzig noch lebende Lehrer des Jahrganges 1877 und gab
    der Freude Ausdruck, daß so viele sich zu dieser Feier zu­
    sammengefunden haben. Lehrer Siber dankte für die Ein­-
    ladung und gab Erinnerungen an Vorkommnisse unter
    diesen seinen Schülern zum besten. Der Vorsitzende be­-
    grüßte hieraus den blinden Kameraden Oskar Troyer,
    Blindenlehrer im Blindenheim in Innsbruck, welcher als
    Schüler beispielgebend war und mit herzlichen Dan­
    kesworten erwiderte. Es wurde beschlossen, nach fünf Iah-
    ren neuerlich eine Zusammenkunft einzuberufen.“

  4. Aus Amerika liegen mir folgende Daten vor:
    1920 stellte John Taxacher in Kansas City einen Passantrag. Begleitet wurde er dabei von seiner Tochter Elizabeth Taxacher, geboren am 12. Oktober 1908 in Kansas City. Hans und Veronika hatten also mindestens eine Tochter.
    Besonders rührend ist das Foto, welches dem Passantrag beigefügt ist. Es zeigt nämlich John Taxacher zusammen mit seiner Tochter Elizabeth!

    1. Laut dem Taufbuch von Brixlegg ist Veronika Rendl in der Tat im Jahr 1872 geboren. Es handelt sich also um den richtigen Grabstein. Dass es vom Grab ein Foto gibt, ist eine große Freude.

      Im Taufbuch steht:
      Geboren am 31. Oktober 1872 um 10 Uhr 45, getauft um 17 Uhr 30.
      Tochter des Thomas Rendl, k.k. Probierknecht und der Elisabeth Mühlberger
      Pate: Eduard Strobl, Sattlermeister in Kufstein, vertreten durch Eva Rendl, Schwester des Vaters

      Der Beruf eines Probierknechts steht wohl mit dem Hüttenwerk in Brixlegg in Verbindung.

  5. Ein interessantes Detail ist auch, wie die junge Ehefrau Veronika auf dem Kuvert von der Kurrentschrift in die lateinische Schrift wechselt.
    In Amerika war die hierorts gebräuchliche Kurrentschrift nicht üblich und konnte von den Leuten wohl auch nicht gelesen werden. Veronika und Hans Taxacher mussten ihre in der Schule erworbene Handschrift daher umlernen.

  6. Lieber Herr Auer, lieber Herr Hirsch,

    fantastisch was Sie beide noch alles über das Ehepaar Taxacher herausgefunden haben! Das Sterbedatum von Veronika habe ich entsprechend auf 1918 ausgebessert.

    beste Grüße,
    Matthias Egger

  7. Dem Passantrag von John Taxacher ist noch ein Schreiben des Arbeitgebers beigelegt:

    The Ismert-Hincke Milling Company
    Hard Wheat Flour Makers
    Daily capacity 5,000 barrels
    Kansas City

    Dear Sir
    I have known Mr. John Taxacher for the past eleven years, and during that time have seen him daily. I always found him to be honest, upright and trustworthy, and can consciously recommend him for the passport he desires.

    Yours, H. E. Stewart

    John Taxacher hat in Kansas City wohl einen besseren Job als in Gas City gefunden.

  8. Noch ein spannendes Detail ist für die Einordnung der Familie Rendl in die Regionalgeschichte interessant:

    Thomas Rendl, der Vater von Veronika und Heinrich, war eine sehr wichtige Persönlichkeit für die Musikkapelle Brixlegg. 25 Jahre lang leitete er die Musikkapelle, welche in seiner Amtszeit zu neuer Blüte gelangte. Der Tiroler Grenzbote von 1902 berichtet diesbezüglich:

    „Im Jahre 1862 ist Thomas Rendl vom 8-jährigen Militärdienst zurückgekehrt.
    Mit Herrn Thomas Rendl bekam
    die Kapelle einen neuen äußerst tüchtigen und gestrengen Meister.
    Von seltenem Musiktalent begabt, bei der Regimentsmusik längere
    Zeit als 1. Hornbläser gewirkt, war Rendl im Stande, die Musik
    auf eine hohe Stufe der Leistungsfähigkeit zu bringen. Es wurden
    Ouverturen, Potpourrien, Walzer, Lieder hervorragender Kompo-
    nisten, wie Rossini, Strauß, Flotow, Suppé, Verdi u. a. in das
    Repertoir eingeführt und begünstigt durch das k. k. Hüttenwerk,
    das hohe k. k. Ackerbauministerium, die Schmelzer-Bruderlade und
    die Hrn. k. k. Beamten, welche Beiträge zur Anschaffung von In­-
    strumenten beistellten, wuchs die Zahl der Mannschaft auf 38
    Mann und ward eine der besten Kapellen des Unterinntals. Herr Rendl
    bekam ein Belobigungs-Dekret vom k. k. Ackerbauminister Mannsfeld,
    eine Remuneration von 25 fl. und wurde in Ansehung seiner
    Tüchtigkeit auch als Werksbediensteter in den Aufseherrang befördert.
    Volle 25 Jahre leitete Rendl unverdrossen, voll Eifer und Hin-
    gebung zur edlen Musica, in immer sich gleichbleibender Strenge
    und Feinfühligkeit, mit meisterhafter Hand und zarten Geschmack
    das Musikkorps, bis er, in den Ruhestand getreten, 1887 einem
    ehrenden Rufe nach Schwaz folgte, woselbst er wieder die Leitung
    der dortigen Marktmusikkapelle in die Hand nahm. Gegenwärtig
    lebt Rendl bei seinem Sohne, Hrn. Heinrich Rendl, Schulleiter in
    Stumm im Zillertal.“

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