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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Heiteres Attributeraten Beim Brüll

Heiteres Attributeraten beim Brüll

Eine Gruppe Männer sitzt tiefenentspannt im Innenhof eines Hauses, vermutlich der Anichstraße 7. Sie sitzen ganz still, nur ein wilder Wein arbeitet sich hinter ihnen langsam die Wand hinauf. Die 17 Herren aller Altersgruppen schauen, wenn man genau schaut, knapp rechts neben die Linse der Kamera. Dort steht entweder der Fotograf Fridolin Arnold und vielleicht etwas weiter im Eck ihr Chef, Michael Brüll. Wir haben kein Jugendbild von Michael Brüll, aber im Vergleich mit seinen später entstandenen Fotos kann ich ihn hier nicht erkennen.

Wenn doch alle Menschen auf alten Fotos solche Kapperln wie die beiden ganz rechts tragen würden, dann hätten es die Archivare leichter. Das Datum der Aufnahme ist nicht überliefert, aus der Schnurrbartmode und der besten Arbeitskluft ist es auch nicht ganz leicht herzuleiten, wann das Bild entstanden ist. Das Schild über dem Brunnen im Eck ist, wenn man die Augen fest zusammenkneift, als etwas Pragmatisches wie „Nach Benutzung des Wasser ist dasselbe wieder ganz abzudrehen“ zu entziffern.

Ob alle in diesem feinen Tuch gearbeitet haben? Schwer zu sagen, für den Fotografen scheinen jedenfalls alle frisch gewaschen und gekampelt. Highlight des Bildes ist die Ausstattung und das Präsentieren der Werkzeuge. Mindestens fünf Berschen haben einen Bleistift hinterm Ohr stecken; die Knaben ganz links kraulen Rosshaar oder Stroh, eher letzteres. Der Sitzende hinter ihnen hält eine Schublehre oder eine Schraubzwinge, der Scherenmann neben ihm zeigt, welchen Stoff er dem Halbfabrikat vor ihm noch überzuziehen plant. Auf der Leiter steht beschürzt ein Universalhammerer. Links des Zentrums, ganz ohne Attribute, lehnt ein verheirateter Mann, der eben knapp nicht der Besitzer sein kann aber offenbar so etwas wie der Werkstattleiter. Er sitzt auf einem Stuhl aus dem Verkaufsraum, von dem ein Preiszettel herunterhängt. Hinter ihm schaut im dunklen Mantel vielleicht der älteste Sohn des Hauses, der 1887 geborene Rudolf Brüll ins Bild. Er hat 40 Jahre später das KZ Theresienstadt überlebt, weil er dort zum Werkstattleiter der Tischlerei gemacht wurde, und bald unersetzlich war, weil er allen SS-Offizieren so schöne Möbel für ihre Wohnungen produzieren ließ. So wie sich der junge Brüll über die Lehne des Stuhles mit dem Vordermann in der Bildmitte verbindet, befallen mich dann doch noch Zweifel: Würde man so ein Bild ohne den Chef machen? Ist das Michael Brüll ca 1900?

Weiter in der Bildrundschau. Hinter Rudolf Brüll steht ein großer schlanker Mitarbeiter im Schurz, der tatsächlich in die Kamera schaut. Die beiden Herren die noch vorne sitzen halten beide Bleistifte und der rechte auch ein Skizzenbuch für die schnelle Idee in der Hand. Was ist das zwischen den beiden? Ein Furnierteil für das schöne Möbel im Salon? Beide Zwirbelschneuzträger dahinter haben auch noch einen Farb- oder Musterkeil bei sich und einen Hobel. Hobel und Sägen halten auch die drei Herren am oberen rechten Bildrand, der mittlere scheint den Tisch vor ihm einzuwachsen oder zu polieren. Dann kommen schon die kapperltargenden Tischermeister, -gesellen, gehilfen oder Lehrlinge: Der linke der beiden Stutz mit seinem Feitel die (Flachs? Stroh?) geflochtenen teile des Sessels vor ihm. Der letzte mit der ordentlich zewrrupten Schürze hat gemusterte Webstoffe vor sich und schaut genau im falschen Moment weg.

(Familienarchiv Brüll)

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

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