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Gschichten Ausm Gemeinderat*

Gschichten ausm Gemeinderat*

Ruhig ist es auf den Innsbrucker Straßen an diesem 5. Februar im Jahre 1904. Die Kälte lädt nicht wirklich zu einem Spaziergang oder anderweitigen Erledigungen in der Stadt ein. Nur in den Innenräumen des Innsbrucker Gemeinderats herrschen hochsommerliche Temperaturen. Der Grund dafür? Scheinbar eine hitzige Debatte über ein Lyzeum für junge Mädchen. Noch nie davon gehört, sagen Sie? Kann ich verstehen. Ist ja auch eine irrwitzige Vorstellung, dass Frauen ein Recht auf höhere Bildung haben sollen. Aber wenn wir uns beeilen, können wir ein bisschen lauschen. Ich glaube, ich höre den Professor gerade sprechen. Der wird diesem verfrühten Aprilscherz wohl gleich ein Ende bereiten…

„Ich würde ein solches Lyzeum befürworten, schließlich gewährt ein Mädchenlyzeum den Besucherinnen, an die philosophische Fakultät als außerordentliche Hörerinnen überzutreten. Natürlich spielen die Kosten und die bauliche Erweiterung der bereits bestehenden Töchterschule eine Rolle. Aber, meine Herren, ich bin zuversichtlich, dass dies kein großes Problem darstellen wird, denn ich sehe die staatliche Unterstützung auf unserer Seite.“ Ein Raunen geht durch die Menge, die Köpfe werden zusammengesteckt, man scheint noch nicht ganz überzeugt zu sein. Direktor Haberer argumentiert dagegen. Seinerzeit sei eine Töchterschule als praktischer empfunden worden und die Rechte der Schülerinnen seien ohnehin ohne praktischen Wert. Daraufhin erhebt sich auch Kapferer, um Stolz in seinen Vorstellungen zu bremsen. Die Umwandlung der Ursulinenschule sei keineswegs eine leichte Entscheidung und es stünde auch die Planung einer Haushaltungsschule auf der Agenda. Voreilige Handlungen seien unangebracht, vielmehr sollte sich vorab gründlich über die Finanzierung Gedanken gemacht werden. Auch Norer, selbst Familienvater, nickt zustimmend in Kapferers Richtung und scheint überzeugt von den Ausführungen seiner Vorredner zu sein.

Im Saal macht sich Zustimmung breit, nichts wird bekanntlich so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Fast schon scheint es, als würde man für heute Feierabend machen, doch Gemeinderat Winkler ergreift nun die Gelegenheit, sich für das Lyzeum einzusetzen. Ein Lyzeum sei immer etwas Ansehnliches für eine Stadt, warum also nicht auch eines für die Mädchen schaffen? Direktor Ostheimer eilt zur Unterstützung herbei und argumentiert, dass ein Lyzeum vor allem für das Erlernen fremder Sprachen vom Vorteil sei, da man dort mehr Zeit für ein intensives Sprachstudium hätte. „Ich verstehe Sie, werte Herrschaften, wenn Sie um die Finanzierung und Realisierung eines Mädchenlyzeums besorgt sind, aber dennoch wäre es eine Überlegung wert.  Ich schlage daher vor die Entscheidung über die Umwandlung der Schulform zu vertagen, nicht aber gänzlich beim Fenster hinauszuwerfen.“ Ostheimer beendet damit seine Ausführungen und blickt in die Runde bestehend aus Schnurrbärten und Glatzen. Ein Teil der Anwesenden klopft zustimmend auf ihre Tische, andere schütteln verächtlich ihre Köpfe. Plötzlich springt Zösmayr von seinem Stuhl auf. Sein erboster Gesichtsausdruck lässt vermuten, dass er gleich wieder eine seiner üblichen Standpauken von sich geben wird: „Na Herrschaftszeiten, wo soll denn das noch hinführen? Wo sollen die ganzen gelehrten Weiber denn hin? Wir haben doch bereits männliche studierte Schlipsträger im Überfluss, die wir nicht ansatzweise unterbringen können. Frauen sollen beim Kochlöffel und bei der Näherei bleiben. Wir hätten weniger soziales Elend, wenn jedes Mädchen ein tüchtiges Weibsbild wäre. Frauen im Studium, das ich nicht lache!“

Gelächter füllt den Saal, aber die plötzliche Heiterkeit macht rasch wieder Platz für die politische Sitte. Nachdem Stolz und Haberer nochmal das Wort ergriffen haben, wird die Entscheidung über die Umwandlung der Ursulinenschule schließlich vertagt. Stühle werden geschoben, Aktentaschen werden geschlossen und mit Mantel und Hut bekleidet eilen die Herrschaften hinaus in die Kälte. Vom Fenster aus sieht man, wie sie geschwind über die Maria-Theresien-Straße huschen, damit das von den Weibsbildern mit Liebe zubereitete Abendessen noch warm im leicht gewölbten Wohlstandsbäuchlein landet. Niemand im Gemeinderat scheint zu ahnen, dass noch im selben Jahr die Töchterschule in ein Lyzeum umgewandelt und damit zur ersten höheren Schule für Mädchen in Tirol werden wird.

(Foto: IN, Nr.29, 6.2.1904, S. 8.)

*kann Spuren literarischer Ausschmückungen enthalten.

(Verena Kaiser)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
    1. Lieber Herr Pechlaner,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, das motiviert natürlich zukünftig ähnliche Beiträge zu verfassen 🙂

      Beste Grüße

      Verena Kaiser

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