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„Fürwahr Kein Vergnügen“ – Teil 9

„Fürwahr kein Vergnügen“ – Teil 9

Anfang Juni 1918 ist Josef Gruber immer noch im Gebiet des Monte Testo (siehe Titelfoto). Auch für die im Vergleich zur Mannschaft priviligierten Offiziere und Offiziersanwärter wird die Menage immer knapper, was Zorn und Neid weckt. Gleichzeitig nimmt auch die Kriegsmüdigkeit zu. Auch Gruber würde den Militärdienst lieber heute als morgen quittieren.

2. Juni 1918 Das Wetter ist wieder herrlich geworden – lag gestern den ganzen Tag in der Sonne – uns stechen dabei auch Läuse – die Menage für Off. und Mannschaft wird von Tag zu Tag schlechter – gestern hatten wir in der Off. Messe zu Mittag nur einen Löffel Spinat und ein Stücklein Fleisch – Mehlspeise gibt es vorläufig auch keine mehr – das 1. Rgt. muss immer am meisten leisten und hat in Wahrheit die schlechteste Verpflegung – da soll man nur beim 2. Rgt. nachsehen, was da die Leute und die Off. essen und an Zubußen noch fassen – es ist ein Skandal ohne Zweifel – wir hoffen täglich auf Ablösung – ich bliebe lieber auf FW – denn wir haben hier wirklich sehr wenig zu tun – in der Stellung bei der Comp. heisst es Stellung ausbauen und Fassung holen – usw. – von Fhr. Herbert, meinem alten Schulfreund, bekam ich gestern von der Comp. Zigaretten und 1 Schachtel Sardinen – wenn ich bei seinem Zug wäre, dann hätte ich es sehr nett – mein alter lieber Freund Fhr. Haas hat einen H.M.G.Zg [= Handmaschninengewehrzug] bei der 2. Comp., seiner alten Comp. von … [?] – von meinen Eltern ich bezüglich auf meine Enthebung habe ich noch keine bestimmte Nachricht bekommen – es soll erst Mitte Juni bekannt werden – wer aufgenommen wird – so Gott will, bin ich auch dabei und kann dann mit 1.7.18 dem Verein „Grüß Gott“ sagen – wenn nicht, so muss ich halt in „Gottes Namen“ weiter tschechern – einmal muss alles doch ein Ende nehmen und so Gott will – komme ich glücklich und gesund nach Hause zu meinen Lieben.
3. Juni 1918 Habe heute Nachricht von meinen Eltern, dass sie wieder ein Paket am 3. oder 4. 6. absenden werden – Emil Huber schrieb mir heute, dass er als Inf. Beobachter am Mt. Testo bereits zur Kl. Silberne [Tapferkeitsmedaille] eingegeben werde – ob es beim Rgt. doch gehe, das weiss er noch nicht und hat mir natürlich das nicht … [?] – bin nur noch neugierig, was der Kerl angestellt hat.

Soldaten des 1. Regiments der Tiroler Kaiserjäger bei der „Grabenarbeit“, aufgenommen 1918. Foto: Privat.


5. Juni 1918 Noch nicht abgelöst – man spricht von der Ablösung des Rgt. nach Wien – Off. Menage wirklich schlecht im Vergleich zu der noch vor wenigen Wochen – Wetter annehmbar – in der Nacht meist Gewitter mit Hagel – ich selbst war ganz durchnässt, als ich in der Nacht vom 3. auf 4. zur FW Nr 8 mit der Verbindung [?] ging – es hagelte und goss – auch stellten wir mit Herrn Lt. Brüll fest, dass wir alle hier an der Front blöd werden, da man ja keine geistige Arbeit genießen kann – von einem Off. des 2. Rgt. habe ich gehört, dass ein Schulgenosse von mir E.F. Jg. Grüner Oswald als Mediziner auf 2 Semester Urlaub tue – ich hoffe halt noch auf Enthebung durch die Bahn – Medizin studieren wollt ich aus dem Grund nicht, weil ich nicht ewig meinen Eltern am Geldbeutel liegen wollt – denn ich wusste genau, wieviel Geld ihnen meine Studien schon gekostet haben – obwohl ich einiges Interesse an den medizinischen Studien gefunden hätte.
6. Juni 1918 In der Nacht stark geschneit – 30 cm Neuschnee – FW Nr 1 liegt 100 m unter der Foxistraße in einer Felsenhöhle –  „Das Adlernest“. Im Falle eines Alarms oder eines feindlichen Angriffs, der nur vom Corno aus möglich wäre, müsste Lt. Brüll etwa 50 m ober der Straße den Stützpunkt abgehen. Ich bin selbst mit dem Posten und den 2 Scheinwerfern den Stützpunkt 60 m unter der FW abgegangen – im Falle eines Rückzugs müsste der ganze FW über den Mte. Testo – ich auch, wenn ich rechtzeitig zur … [?] käme – sonst hätte ich mich halt in der Gegend von Roite halten müssen – also ziemlich selbständig handeln. Seit gestern befürchtet man einen italienischen Angriff vom Corno – dann wir müssten vor unserer FW auf der Straße von Testonare einen zweiten Posten aufstellen – Offiziersmenage immer schlecht – Mahlzeiten nur mehr zweimal in der Woche – Mittag meist Kraut und sehr wenig Fleisch – Abend Suppe und den gleichen Treck [sic!] – Wein schon 5 Tage nicht mehr bekommen. Im Falle, dass wir uns zurückziehen müssten – 3 weiße Leuchtraketen unter einem Winkel von 90o Grad gegen unsere Adlernester. Dann wird das eigene Artilleriefeuer die Straße aus Testonare mit Sperrfeuer belegen – da hätte ich wahrscheinlich einen netten Tschach im Falle der Wirklichkeit.
7./6.1918 Sitze hier in der Sonne in Gottes freier Natur – es ist ein wunderbarer Tag – in der Nacht fest gefroren – ich denke vergangener und besserer Zeit. Friede endlich noch soll werden – ich selbst auch noch erleben soll – dies sind meine Gedanken – man hört in der Luft die Fliegermotoren surren – auf Erden die Wehrgeschütze erdröhnen – doch ruhig zieht der große Vogel seine Kreise, dessen scharfem Blick nicht leicht sowas entgeht – gestern in der Früh hörte man sehr stark Trommelfeuer ganz klar aus der Gegend der Sieben Gemeinden – wo wahrscheinlich ein Angriff stattgefunden hat. In der Nacht kam EF Fhr. Herbert zugleich mit der Fassung mit der Ablöse. – Wir gingen nicht gerne, denn wahrscheinlich hätten wir bei der Kompanie mehr Zuteilung – heute Abend besuchten mich meine Freunde Huber und Reinger. Reinger ist seit 3 Wochen Zgfr. beim 2. Rgt. und wartete auf den Fhr. – Emil hat leider nur die Bronzene [Tapferkeitsmedaille] bekommen, weil er bei feindlichem Artilleriefeuer von seinen [sic!] Posten ging, dessen Zugang nicht gedeckt war.

(Text: StAI, NL Dr. Josef Gruber / Fotos: Privatbesitz)

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