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„Fürwahr Kein Vergnügen“ – Teil 10

„Fürwahr kein Vergnügen“ – Teil 10

Im Frühsommer 1918 begann sich der militärische, wirtschaftliche und politische Zusammenbruch der Habsburgermonarchie immer stärker abzuzeichnen. Dieser Prozess lässt sich auch in den Aufzeichnungen von Josef Gruber greifen. Etwa wenn er offen einräumt, dass er nicht wisse, wofür er beim Militär seinen Dienst versehe oder wenn er gegen die „jüdischen Großköpfe, welche ja doch alles einstecken“ wettert. Die materielle Not und die triste militärische Lage befeuerten die Entsolidarsierung zwischen den Völkern der Monarchie ebenso wie antisemitische Sterotype. Zwar ging die k. u. k. Armee Mitte Juni 1918 ein letztes Mal in die Offensive. Die sogenannte Junischlacht in Venetien endete jedoch nach wenigen Tagen in einem Fiasko.

10./6.1918 Gestern konnten wir die Sonntagsruhe feiern – Nachmittag wollt ich mit Bewilligung des Oblt. meinen Freund bei der 2. Comp. besuchen – ich kam jedoch nur bis zur 4. Comp., wo ich Fhr. Graf und meinen alten Zg.Kmdt. [= Zugskommandant] der 2./36. Ma. K. [= Marschkompanie] traf – Lt. Kolb – dieser hatte eine große Freude und ließ mich nicht mehr fort – er hatte eben Dienst als Graben-Insp. Off. [=Graben-Inspektions-Offizier] und zu dritt gingen wir in die Stellung am Roite Kopf – allgemein groß angelegtes Kavernensystem, zu dessen Orientierung man schon sehr oft den ganzen R. K. [=Roitekopf] unter der Erde damit finden muss – auch habe ich mich dabei gut orientiert über den Cosmogon – Pasubio – sehr interessant. Dann blieb ich noch in der Bude des Lt. Kolb stehen und sprach über alles Mögliche – er hat sich, glaube ich, mir gegenüber sehr offen ausgesprochen über den inneren Erhalt in Österreich – will ich hier nicht wiedergeben. Zur 2. Comp. kam ich nicht mehr – denn nach der 4. Comp. kommt die I. dann die III. und dann die II. an der Pasubio-Front an der Pasubio-Platte an der Riegelstellung – ich nahm mir vor, meinen alten Franz dafür am nächsten Sonntag zu besuchen.
14./6.1918 Das Wetter war bis heute schlecht – in der Früh ganz klar und rein Nachmittag schon wieder bewölkt – unsere Art. beginnt sich anscheinend einzuschießen – vielleicht beginnt morgen die Offens[ive].
16./6.1918 In den ersten Tagen war oft Art.Feuer aus dem Etschtal hörbar – von der Truppe sind schon durchgebrochen – von meiner Enthebung nichts erfahren – vielleicht wird auch gar nichts daraus.
18./6.1918 Heute Nacht eine Aktion gegen den Moritz-Hügel [?] – jedoch nicht geglückt – unsere Artl. [sic!] schoss sehr oft aber zu wenig lang – die unseren kamen zu spät in den feindlichen Graben und mussten wieder zurück. Es sollen 4 verwundet sein. Von Stams bekam ich eine Karte: Dass sie seit 4./6. nichts von mir gehört hätten – kann es nicht begreifen – auch von der Bahn schrieben sie nichts Neues – ich warte mit Spannung auf das endgültige Ergebnis, denn wenn es glückt, dann sollte ich am 1.7. schon in Wien sein.
19.6.1918 Es ist zum Verzweifeln. Ich habe schon wieder Nachtdienst und muss froh sein, wenn ich jeden dritten Tag oder vierte Nacht schlafen kann – man muss halt bei Tag schlafen so viel als möglich – aber man hat nie seine Ruh – immer ist wieder was zu tun und wenn schon, halt immer wieder aus dem besten Schlaf heraus – ich habe jetzt seit 6 h Dienst und die 2 h frei und dabei nur jeden dritten Tag Tagdienst und sonst immer Nachtdienst – ich ginge wirklich sehr gerne zur Bahn – denn einen strengeren Dienst kann es dort auch nicht haben – und dann weiß man auch, wofür man arbeitet – das weiß ich beim Militär nicht – „ denn für die jüdischen Großköpfe, welche ja doch alles einstecken bei uns“ – die Offensive hat schon am 15.6. begonnen – eine an der Piave [und] Brenta mit Erfolg – 21.000 Gefangene – in den 7 Gemeinden musste der Erfolg teilweise wieder aufgegeben werden – ich hoffe, dass es rasch und zum endgültigen Sieg und Frieden kommen wird.
21.6.1918 Ich weiß noch nicht, ob ich von der Bahn aufgenommen werde oder nicht – ich hoffe, ich komme bald fort, denn man muss sich immer nur giften bei uns – die Offiziermenage für uns ist wirklich schäbig, weil wir direkt ausgenützt werden – wenn die Herren jeden Tag 2 mal speisen müssen – sie bekommen bald jede Woche 2x Wein und zum Beissen sehen wir nie – aber dafür ziehen uns die Ludern das ganze Geld ab bis auf die bloße Löhnung – für die Herren ist es besser, je mehr Teilnehmer sind, weil sie für alle Teilnehmer gleich viel fassen, aber nur die Herren selbst bekommen das meiste – das sind eigene Offiz. Wenn ich beim Mil. noch länger bleiben muss und nicht fort komme, dann werde ich schon einmal ein Wörtchen fragen und mich erkundigen – auf dieses Essen verzichte ich zuletzt.

(Text: StAI, NL Dr. Josef Gruber / Foto: Ansicht Pasubio-Platte mit Cosmagnon, Privatbesitz)

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