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Endstation Innsbruck I

Endstation Innsbruck I

Im Mai 1951 dokumentierte Walter Kreutz den Innsbrucker Hauptbahnhof. Einige Monate sollte er einer der Schauplätze einer Episode des Kalten Krieges werden.

Vor genau 70 Jahren fanden nämlich in Ostberlin die „Weltfestspiele der Jugend und Studenten (für den Frieden)“ statt. Hierzu erreichte uns im Frühjahr eine Anfrage von Laura Rosengarten, die zu diesem Ereignis in Leipzig promoviert. „Ein Teil der französischen Delegation wurde in Innsbruck von amerikanischem Militär an der Weiterreise gehindert“, heißt es in den ihr vorliegenden Akten. Ob wir hierzu nähere Details wüssten. Das gab nun doch Rätsel auf. Schließlich war Innsbruck nur in den ersten Monaten 1945 von der US-Armee besetzt. Wie kann es sein, dass 1951 US-amerikanisches Militär französische Bürger mitten in der französischen Besatzungszone festsetzt?

Nach einem Blick in die damalige Presse zeigte sich, dass die Sachlage etwas komplexer war. Der Zug wurde nicht in Innsbruck, sondern in Hochfilzen angehalten, da sich die Jugendlichen, wie „von offizieller Seite“ mitgeteilt wurde, „nicht im Besitz der notwendigen Reisepapiere befanden, um die amerikanische Zonengrenze zu passieren“. Es handelte sich auch nicht ausschließlich um Franzosen, sondern auch „Engländer beziehungsweise Schotten und einige Italiener“. Und nicht nur eine kleine Delegation, sondern letztendlich rund 2000(!) „kommunistische“ Jugendliche. (TT, 4.8.1951)

Warum eigentlich Hochfilzen und nicht Kufstein? Den Jugendlichen war sicher klar, dass eine Reise durchs amerikanisch besetzte Süddeutschland eher unrealistisch war. Also wählten sie die Route quer durch Österreich – durchs französische Vorarlberg und Tirol, versuchten durch das amerikanische Salzburg in die britische Obersteiermark zu kommen und dann über die sowjetischen Teile Ober- bzw. Niederösterreichs sowie die Tschechoslowakei nach Berlin zu gelangen. Dass die Amerikaner dabei darauf bestanden, die Züge unter Polizeischutz 110 Kilometer nach Innsbruck zurückzusenden, anstatt sie selbst 90 Kilometer in die britische Zone weiterzuleiten, legt doch recht deutlich nahe, dass es hier weniger um gültige Papiere, als vielmehr um ein Scharmützel im Kalten Krieg ging.

Die am Freitag 3. August nach Innsbruck „zurückgeleiteten“ Jugendlichen mussten in Ermangelung von Ersatzquartieren die Nacht in Waggons auf dem Hauptbahnhof verbringen. Tags darauf veranstalteten sie einen friedlichen Demonstrationszug vom Bahnhof über Salurner und Maria-Theresien-Straße bis zum Burggraben und zum englischen Konsul, bei dem sie mit Sprechchören und Spruchbändern die Weiterreise forderten. Die etwa 600 französischen Jugendlichen wurden anschließend in der Ausstellungshalle untergebracht, die die Besatzungsmacht als Garage nutzte. Die Engländer lehnten eine Verlegung nach Ötz ab und nächtigten erneut in Waggons. (TN, 6.8.1951, S. 3)

(Fortsetzung folgt morgen)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, KR-NE-700 (Hauptbahnhof im Mai 1951, Foto alter Kreutz)

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