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Ein Engel Im Grauen

Ein Engel im Grauen

Nur Tagebuch-Aufzeichnungen und vergilbte Briefe von Insass*innen nationalsozialistischer Arbeitslager, die die Enkelin zufällig am Dachboden fand, erinnerten an die in Vergessenheit geratenen Aktionen von Diana Obexer-Budisavljević.

Die in Innsbruck geborene Diana Obexer rettete während des 2. Weltkrieges tausende serbische Kinder aus den Konzentrationslagern der Ustascha, welche von 1941 bis 1945 über den Unabhängigen Staat Kroatien herrschte.

Die terroristische Organisation unter der Führung von Ante Pavelić hatte einen unabhängigen kroatischen Staat angestrebt und verbündete sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Bereits wenige Tage nach der Machtübernahme kam es zu einer Reihe an Gesetzen, welche die Rechte der jüdischen, aber insbesondere auch der serbischen Bevölkerung einschränkten. (Berufsverbote, Zwang zum Konfessionswechsel, Verbot der kyrillischen Schrift …) Es folgte die Übernahme der Nürnberger Rassegesetze. Dörfer wurden nach Serb*innen durchforstet, welche dann nach Serbien abgeschoben oder in Konzentrationslager deportiert wurden.

Wie aber kam Diana Obexer nach Kroatien und wie sieht ihr Verdienst konkret aus? Diana Obexer wurde am 15. Jänner 1891 als Tochter des Mitbegründers und Miteigentümers des „Hotel Maria Theresia“ geboren. Während des 1. Weltkrieges absolvierte sie einen Pflegekurs an der Universitätsklinik, wo sie den kroatischen Chirurgen Julije Budisavljević kennen lernte, den sie dann heiratete und nach Zagreb begleitete.

1941 erfolgte dann der erste Eintrag in ihrem Tagebuch, – eigentlich ein Schulheft, das mit Bleistift beschrieben wurde – als sie von Angestellten und Freunden von der Existenz entsprechender Lager, in denen der Hunger grassierte, erfuhr. Daraufhin beschloss sie Pakete mit Hilfsgütern dorthin zu schicken. Ein Paket beinhaltete beispielsweise 25 kg Bohnen, 1 kg Fett, 1 kg Butter, 3 kg Mehl, Kartoffel, 2 kg Zucker, Kaffeeersatz, 3 kg Zwiebel, Knoblauch und 2, 5 kg Salz.

Der Besuch eines Lagers lieferte schließlich die Initialzündung für den Entschluss, die Kinder zu evakuieren. Diese mussten – wenn sie unter 12 Jahre alt waren – in den Lagern zurückbleiben, während ihre Eltern ins Deutsche Reich deportiert wurden, um dort Zwangsarbeit zu verrichten. Die älteren Kinder wurden dann entweder als Geiseln gegen die kommunistischen Partisan*innen genommen oder als Milizen für die Ustascha ausgebildet. Kranke und kleine Kinder wurden in der Save ertränkt.

Die evakuierten Kinder wurden in diversen, bereits bestehenden Kinderheimen und Institutionen untergebracht – bevorzugt auch in kroatischen Pflegefamilien mit katholischer Konfession. Dies sollte eine erneute Internierung der Kinder in Lagern, die ebenfalls vorkam, verhindern. Die Evakuierung der Kinder stellte sich als schwieriges Unterfangen dar, das nur bis März 1943 gelang, da Diana dann keine Reiseerlaubnisse mehr in die entsprechenden Gebiete sowie Evakuierungsgenehmigungen erhielt.

So konzentrierte sie sich vermehrt auf die Wiederherstellung des Kontakts der deportierten Eltern zu ihren Kindern, mit dem sie bereits bei der ersten Evakuierung begonnen hatte. Sie schrieb den Namen eines jeden Kindes, das gerettet worden war, auf, und ließ Zettel mit ihrer Adresse in den Zügen ins Deutsche Reich und in den dortigen Arbeitslagern verteilen. Eltern konnten sich dann mit ihren Suchanfragen an sie und ihre Helfer*innen wenden. Dianas Kartei verfügte zu Kriegsende über 12.000 Namen und ermöglichte zahlreichen Eltern ihre Kinder wiederzufinden.

1972 kehrte Diana dann mit ihrem Ehemann nach Innsbruck zurück, wo sie 1978 verstarb. Dort verlor sie – weder gegenüber ihren Nachfahren noch gegenüber Bekannten – kein einziges Wort über ihr humanistisches Engagement während des 2. Weltkrieges.

Heute erinnert eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Maria-Theresien-Straße 15 an ihre Aktionen. Insgesamt starben etwa 80.000 bis 100.000 Menschen in den Lagern der Ustascha, von denen ungefähr 40.000 Jüd*innen und 1500 Roma waren. Tausenden von Kindern konnte Diana in dieser ausweglosen Situation aber mit ihren Maßnahmen das Leben retten.

In der vom Stadtarchiv publizierten Reihe „Zeit-Raum-Innsbruck“ findet sich ein interessanter Artikel über Diana Obexer-Budisavljević:

Anna-Maria Gruenfelder: TirolerInnen im unsichtbaren Widerstand. In: Zeit-Raum-Innsbruck (=Schriftenreihe d. Innsbrucker Stadtarchivs, Bd. 10). Innsbruck 2010, 59-106.

Im Tyrolia-Verlag ist zudem ein historischer Roman von Wilhelm Kuehs mit dem Titel „Dianas Liste“ erschienen.  

Autorin: Maria-Gracia Winkler

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck: Ph-G-26056)

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