Brot, Post und ein Hauch Gegenwart
Wieder einmal habe ich ein Farbfoto aus der Sammlung Jörg Thien ausgegraben. Zu sehen ist eine Straßenzeile, die hier im Bilderblog schon öfter aufgetaucht ist: die Maximilianstraße mit dem ehemaligen Hauptpostgebäude im Vordergrund.
Die Aufnahme dürfte aus den frühen 1960er-Jahren stammen, wobei ich mich über jede genauere zeitliche Einordnung freue. Das Faszinierende an diesem Bild ist aber die Wirkung der Farben. Schaut man nur flüchtig hin, wirkt die Szene erstaunlich aktuell. Natürlich fehlt das neue Landesgericht und man erkennt noch die Mauern des ehemaligen landesgerichtlichen Gefängnisses. Doch mit der Herz-Jesu-Kirche im Hintergrund hat das Ganze etwas verblüffend Zeitloses.
Ein kleines Detail hat mich besonders schmunzeln lassen: Dort, wo heute Ruetz Brot verkauft wird, gab es offenbar schon damals eine Bäckerei – eine kleine Konstante, die sich, wenn auch mit Unterbrechung, bis heute gehalten hat.
Eines steht für mich jedenfalls fest: Die Farbfotos von Jörg Thien sind immer wieder eine Freude. Sie lassen alte Innsbrucker Ansichten plötzlich erstaunlich gegenwärtig wirken und zeigen, wie nah Vergangenheit und Gegenwart manchmal beieinanderliegen.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Ph-Pr-1685)
Sogar schon „2.Hälfte 50er Jahre“
Und die „Bäckerei-Konstante“ geht noch viel weiter zurück. Für mich 38-er Jg. war da IMMER SCHON die „Arbeiterbäckerei-Filiale“, wo wir am Vormittag (Mager-)Milch und Brot (mit Lebensmittelkarte etc) holten. Daß das kleine Ladele bummvoll war und förmlich aus den Nähten platzte – daran erinnere ich mich gut. Einmal ließ mich meine Mama heraußen am Gehsteig warten und befahl mir, auf und ab zu gehen – aber nicht zu weit. Hab ich gemacht. Und plötzlich rief sie aus unserer Wohnung, drüben, vom 4.Stock herunter. Sie hatte schlichtweg vergessen, daß sie mich mitgenommen hatte – und hatte mich in der Wohnung oben vergeblich gesucht. Von oben herab dirigierte sie mich über die Straße. 3 1/2 werd ich gewesen sein.
Übrigens – im bummvollen Ladele waren, beim Eingang gleich links, hinter der Schaufensterscheibe, 2 oder 3 kleine Tischchen, an denen die Madln vom Fernamt saßen und aus einem weißen Porzellanbecher ihre Milch tranken. Ich hab sie sehr bewundert!
Gerade taucht bei mir der Name „Knapp“ auf… könnte das die damalige Pächterin gewesen sein, oder verwechsle ich da etwas?
Übrigens: Nach 1956, als ich selbst Post-Vertragsbedienstete (und etwas früher dran ) war, habe ich mir das Vergnügen gegönnt, einen weißen Becher mit Milch zu trinken. Au weh – ich hätte es besser lassen sollen – ich bringe keine Milchhaut hinunter…