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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Betja Milskaja Und Hermann Leopoldi

Betja Milskaja und Hermann Leopoldi

Für den 22. Juli 1936 wurde ein absoluter Publikumsliebling in Innsbruck erwartet: der jüdische Wiener Kabarettist und Sänger Hermann Leopoldi. An seiner Seite – wie fast immer – dessen langjährige Duettpartnerin Betja Milskaja. Ihr Auftritt sollte bei gutem Wetter im Garten des Hofgarten Cafés stattfinden, man dürfe sich auf ein „gänzlich neues Programm“ freuen und eine Tischreservierung wurde dringend angeraten. Die Tickets kosteten 1, 2 oder 3 Schilling, was heute einer Kaufkraft von 5, 10, oder 15 Euro entsprechen würden.

Zeitungsausschnitt: Das Organ der Varieté Welt, 25.1.1930 (Foto: Mandelbaumverlag)

Leopoldi und Milskaja waren 1932 erstmals in Innsbruck aufgetreten, aber bereits vorher durch Radio und Schallplatte auch hierzulande sehr populär. Ihr Programm trug den Titel „Zwei Stunden Lachen“ und das wünschten sich laut Konzertankündigung auch viele Innsbruckerinnen und Innsbrucker: „ […] je schlechter die Zeiten, je sorgenvoller, desto lebhafter der Wunsch vieler, wenigstens eine kleine Weile dem grauen Alltag entrissen zu werden und von Herzen lachen zu können. Ein Leopoldi-Abend bedeutet zwei vergnügteste Stunden durch einen Künstler, der sich seinen sonnigen Humor bewahrt hat.“ Und weiter: Leopoldi und Milskaja „bringen die besten Schlager ihres Repertoires, u.a. Überlandpartie, Abrüstungskonferenz, Österr. Notverordnungen und viele andere“ (Innsbrucker Nachrichten, 5.4.1932, S. 9). Die aufgeführten Liedtitel verweisen auf gesellschaftskritische und politische Lieder Leopoldis. So stellt er in den „Notverordnungen“ deren Sinnhaftigkeit in Frage und macht sich mithilfe von Umtextierungen (teilweise sogar seiner eigenen Lieder) über die Auswirkungen der prekären wirtschaftlichen Lage auf das tägliche Leben lustig („Ich hatt`einen Advokaten, einen bessern findst Du nicht, ich zahl ihm heut`noch Raten…“).

Notverordnung, Hörbeispiel: https://www.mediathek.at/atom/0C9B995E-009-001C7-00003690-0C9ACB80

Die „Überlandpartie“ war einer der Hits des Paares: https://www.mediathek.at/atom/136BACF6-058-02CDC-00000904-136AFAF1

Das Duo Leopoldi/Milskaja nahm bis in die späten 1930er Jahre viele Platten zusammen auf und stand auch überwiegend gemeinsam auf der Bühne. Um dem drohenden Anschluss im März 1938 zu entkommen, versuchten die beiden per Zug früher zu einem geplanten Auftritt in die damalige Tschechoslowakei zu reisen und wurden an der Grenze zurückgewiesen. Leopoldi wurde nur wenig später in seiner Wohnung aufgegriffen und nach Dachau und später Buchenwald deportiert. Leopoldis Frau Eugenie Krauss konnte ihn schließlich aus den USA freikaufen und er emigrierte ebenso dorthin. 1947 kehrte Leopoldi zusammen mit seiner zweiten Frau Helly Möslein nach Österreich zurück.

Zeitungsausschnitt: The New York Post, 20.3.1939, S. 3 (opensource via Fultonhistory.com)

Betja Milskaja schaffte es, 1938 nach New York auszureisen. Als nach dem Anschluss die RAVAG zum „Reichssender Wien“ umgestaltet wurde, rühmte man sich damit, sich nun endlich auch vom Einfluss der Juden befreit zu haben: „Mit der billige Ausrede, es seien auf dem Gebiete des Kabaretts keine arischen Kunstkräfte zu finden, wurde eine bunte Serie hebräischer „Künstler“, vor allem Hermann Leopoldi und Betja Milskaja immer wieder herangezogen“ (Deutsche Volkszeitung, 4.6.1938, S. 12). 

Die beiden wurden hier in einem Atemzug genannt, jedoch ist heute von der zu Ihrer Zeit überaus beliebten Sängerin und Kabarettistin und nebenbei auch hochbegabten Pianistin Betja Milskaja sehr wenig bekannt. Sie wurde als Jüdin in Odessa geboren und kam nach der Revolution nach Wien. Leopoldi lernte sie aber in Berlin kennen: Heinrich Liemann, jüdischer Geschäftsmann und Erbauer des Femina-Palastes, eines wichtigen Vergnügungslokals der 1920er Jahre, stellte die beiden einander vor und schnell avancierte sie zur fixen Duopartnerin von Leopoldi. Kurz nach dem ersten Auftritt des Paares in Innsbruck 1932 schreibt ein Wiener Journalist zwar ergriffen über die „quecksilbrige, von Humor und Leben übersprudelnde, junge Partnerin von Hermann Leopoldi, schlank, mit kupferrot leuchtendem Haaren“, fährt aber herablassend fort: „Nur einen Schmerz hat die kleine Betja: auf Leopoldis Kompositionen steht nur sein Name als der des Autors und des Komponisten. Sie möchte aber gar zu gerne auch ihren Namen darauf gedruckt lesen, denn irgendwie fühlt sich sowohl an der Entstehung dieser Lieder wie auch an dem Erfolg durch die Vorträge beteiligt“ (Wiener Allgemeine Zeitung, 22.5.1932, S. 12).

Obwohl ab 1939 sowohl Hermann Leopoldi als auch Betja Milskaja in New York waren, standen sie anscheinend nicht mehr miteinander auf der Bühne. Leopoldi lernte seine spätere Frau Helly Möslein kennen und trat fortan mit ihr auf.

Aber auch Betja blieb nicht untätig. Am 29.4.1939 wurde für das „Le Mirage“ in New York „The First American Appearance of Betja Milskaya“ angekündigt (New York Post, 29.4.1939, S. 12.). Im November gastierte sie in Washington: „Red-Headed Chanteuse. Betja Milskaya, who`s just come for Trojka, is a lovely redhead with a bearing that combines Parisian chic, Slavic fire and redhead mischief. You`ll be amused by her „Sneezing Song.“ (The Washington Post, 22.11.1939, S. 19). Betja Milskaja nannte sich nun überwiegend nur „Milskaya“ und scheint in den 1940er Jahren vereinzelt als Cabaret-Sängerin auf, und gab in einem Interview gar eine Anekdote über ihr Zusammentreffen mit Hitler zum besten.

Zeitungsausschnitt: Brooklyn Eagle, 17.8.1942, S. 16 (opensource via Fultonhistory.com)

Ausführlicher tauchte sie erst 1950 wieder in der Presse auf: Als Ehefrau des erfolgreichen Geschäftsmannes Samuel R. Rosoff und Mutter eines Sohnes erzählte sie von Ihrer Vergangenheit in Europa, wo sie in Österreich sogar einmal vor dem spanischen König Alfonso aufgetreten wäre. Schließlich zierte ein (wohl in den 1940er oder 50er Jahren entstandenes) Bild von ihr 1990 sogar eine Titelseite der „Johns Hopkins Peabody News“. Betja Rosoff starb am 11.12.1998 in Baltimore.

Zeitungsausschnitt Titelblatt: The Johns Hopkins Peabody News, Baltimore/Washington, Jan/Feb 1990. Opensource via https://peabody.contentdm.oclc.org › download

Diese und andere Geschichten aus dem Innsbrucker Nachtleben der Zwischenkriegszeit erzählt das Siegerprojekt der gedenk_potenziale 2026:

Der Zeitreiseführer „Schund und Sünde“

Der digitale Zeitreiseführer entführt mithilfe von Collagen, 3D-Rekonstruktionen und theatralischer Inszenierung im Hörspiel-Stil in die Lokale des Innsbrucker Nachtlebens der Zwischenkriegszeit. Eine virtuelle Welt, durch das Smartphone für jede und jeden zugänglich, gebaut aus aktuellen wissenschaftlichen Quellenfunden. Ein Werkzeug für eine aktive und zukunftsoffene Gedenkarbeit. 

Präsentation des Zeitreiseführers:

Die Bäckerei, 5.5.2026, 17 Uhr

Zeitreiseführer Team: Manuela Rathmayer, Sandra Hupfauf, Stefan Hartlieb, Konrad Kuhn

Ausführung: Julienne Schult, Locandy GmbH

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