Post aus Tripolis
Ende Oktober 1952, ein knappes Jahr nach der Gründung des Königreichs Libyen, schrieb Maria Magdalena Spiegelfeld (1918-1964) vom Hof des König Idris (1890-1983) an ihre in Innsbruck lebende „Tante Rosi“ (= Maria Rosa Pfeil, geb. Spiegelfeld) einen Brief. Maria und ihr Mann Franz Xaver gehörten dem Hofstaat an und so bildete das Leben am libyschen Hof natürlich ein zentrales Thema. Allzu glanzvoll scheint es dort nicht zugegangen zu sein. Aber lesen Sie selbst:
Die Königin [Fatima el-Sharif] ist seit 3 Wochen hier u. ihr Bruder mit 7jährigem Buben. Leider spricht sie nur arabisch u. es gibt keine Möglichkeit der Verständigung. Ihre Kammerjungfrau, unsere Landsmännin, ist leider, leider eine große Blamage für uns Österreicher. Sie ohrfeigt alle Dienstboten u. das ist rasend peinlich. Die arme Hascherin ist halt total verrückt u. wie sie sagt „von oben bis unten eine Lady“. Aber da kann mann nichts machen und alle haben Angst vor ihr. Ich glaube auch die Königin. Die ist sehr krank u. bekommt immer Injektionen v. unserer „Lady“. […] Xaver u. sie [die Lady] sind Todfeinde.
Xaver geht es recht gut u. er hat wahnsinnig zugenommen. Wir sind alle zerstochen von Moskitos u. es ist kein Geld da für Netze. Auch nicht für Sidol u. Besen. Ich habe immer so sehr gehofft für Hubert u. Hannes u. alle schöne üppige Urlaube herauszuschinden. Davon ist keine Rede. Im Frühjahr wird das Königspaar wieder nach Bengasi gehen u. wir die Erlaubnis bekommen, Gäste zu haben. […]
Xaver beginnt aber zu zeichnen. Und da könnten wir vielleicht ein bißl Geld verdienen. […] Und jetzt wieder eine unverschmäte Bitte. Am 1. Nov. laße ich Euch 1 Pfund überweisen. Man sagt hier, daß man dafür 56 S. bekommt. Wenn der Hannes so lieb wäre u. Aquarellpapier kaufen würde u. ein paar Aquarellfarben. Hier ist kein Papier zu haben. Das ist ein großes Unglück für uns. Hannes kennt sich aber aus. Sonst würde ich Hubert bitten.
Ich verkehre nur mehr mit Ministern. Meistens mit dem Premier. Er spricht sehr gut französisch. Und unlängst waren Persil u. Häuslpapier ausgegangen. Bißl peinlich waren diese Verhandlungen, aber alle haben dann gebrüllt vor Lachen u. ich habe es kaufen gehen dürfen. […] Sonst haben wir es sehr schön. Eine prachtvolle Kino Wohnung [sic], Meer u. Palmen. Aber wenig Geld. Xaver ißt schon täglich Hammel mit Knoblauch. Pinni [?, gemeint ist Marias und Xavers Sohn] hat sich bißl daran gewöhnt. Er fährt den ganzen Nachmittag weg. Von 12-19h. Zu seinem englischen Professor. 7km weit von Tripolis. Am Rande der Wüste. Der Professor hat einen gleichaltrigen Buben, 2 Ziegen, 12 Hühner u. 3 Hasen. Und ein roesiges Schwimmbasin. Eine Schwefelquelle. Leider gibt es auch Cobras dort u. Skorpione. Aber er hat es wunderschön u. die beiden Lauser haben die lybische [sic] Wüste als Spielplatz. Hie u. da bin ich eingeladen u. bekomme Schwarzbrot mit Butter u. Kekse ohne Hammelfett.
Das Leben im fernen Tripolis war für Spiegelfelds – trotz der vergleichsweise priviligierten Stellung – nicht einfach, wie auch aus den obigen Zeilen ersichtlich wird. Und natürlich gab es, wie an jedem Königshof, auch in Tripolis Intrigen, mit denen man fertig werden musste. Abgesehen davon hatten Franz Xaver und Magdalena Familie und Freunde in Österreich zurückgelassen. Folglich mag es nicht überraschen, dass Maria ihre Tante zum Schluss noch „um viele, viele Briefe“ bat.
(StAI, Nachlass Pfeil-Spiegelfeld)