Nachruf auf Elena
Mitte letzter Woche erreichte uns eine Anfrage aus Amerika zu Elena Ruocco-Palumbo, geboren 1922 in Neapel. Sie sei, so schreibt der Großneffe Joseph, im Spätsommer 1943 in ihrer Heimatstadt angehalten und zur Arbeit nach Deutschland gezwungen worden. Danach habe die Familie nie wieder etwas von ihr gehört. In Amerika, wohin der Großteil der Ruoccos in den 1950ern ausgewandert ist, lebt heute noch eine Schwester von Elena, die bald 100 Jahre alt wird. Seine Mutter und seine Großmutter, sagt der Familienforscher, habe das ungeklärte Schicksal Elenas bis zu ihrem Tod hoffen lassen, sie noch einmal wiederzusehen. Auf der außergewöhnlichen Online-Plattform des Suchdienstes des Roten Kreuzes im deutschen Arolsen hat die Familie nun eine Liste gefunden, auf der als Todesort Innsbruck genannt ist und als Datum der 15. Dezember 1943.
Bei diesem Datum hatte ich natürlich gleich den Verdacht, dass Elena Ruocco beim ersten Bombenangriff ums Leben gekommen sein könnte. In der Innsbrucker Friedhofsdatenbank steht sie auch, mit einem leicht verdrehten Nachnamen, da diese famose Quelle aber mitdenkt kann man auch Tippfehler und Schreibvarianten finden. In den Sterbeakten des Standesamtes wird es dann geklärt: Schon um 13 Uhr starb die junge Frau am Innsbrucker Hauptbahnhof – an diesem Tag kamen noch über 260 andere Menschen in Innsbruck ums Leben. Bei einigen der Toten, so auch bei Elena Ruocco, wusste man lange gar nicht wer sie waren. Erst am 27. Jänner 1944, sechs Wochen nach dem Bombenangriff, konnten das Standesamt und die Polizei ihre Identität klären. Sie wurde in einem Sammelgrab auf dem Ostfriedhof bestattet. Daran, ihre Familie zu verständigen, dachte hier niemand.

Der Grund, warum Elena Ruocco so lange unidentifiziert geblieben ist, ist der, dass sie eigentlich in Jenbach wohnte und arbeitete. Wir hoffen, aus den dortigen Archiven noch mehr Information zu ihr zu bekommen. Die Heinkel-Werke, Nachfolger des arisierten Betriebes von Friedrich Reitlinger, produzierten in Jenbach kriegswichtige Komponenten, die teilweise in Messerschmitt-Flugzeugen, andere in der vermeintlichen „Wunderwaffe“, der V2-Rakete, eingesetzt wurden. Es existierte ein Italiener-Wohnlager für Zwangsarbeitskräfte neben der Fabrik, die Angaben ob Elena Ruocco hier wohnte sind nicht eindeutig. Ihre Tätigkeit in Jenbach wird als Bürohilfskraft angegeben. Warum sie am 15. Dezember 1943, einem Mittwoch, nach Innsbruck gekommen war, wird nicht mehr zu klären sein. Vielleicht wollte sie zum Arbeitsamt oder die Heinkel-Werke hatten sie in die Gauhauptstadt geschickt.
Nach dem Krieg machte sich ihre Neapolitanische Familie auf die Suche nach Elena. Ein ebenfalls in Arolsen erhaltenes Antwortschreiben des Roten Kreuzes an Elenas Mutter vermutete Berlin als Todesort. Das dazu genannte Datum war hier schon richtig – mit dieser halbrichtigen und doch unverifizierbaren Auskunft lebte die Familie dann 82 Jahre. Seit letzter Woche weiß nun der Großneffe, bald auch ihre 99-jährige Schwester, dass Elena Ruocco in Innsbruck gestorben und begraben ist, und dass an einem Erinnerungszeichen hier und einem in Mauthausen ihrer gedacht wird. Wir haben darüber hinaus dieses schöne Foto von ihr bekommen, das sie 1941 ihrer Taufpatin (napoletanisch commare) geschickt hat. Und wir können ein wenig mehr über die 21-jährige junge Frau erzählen, die am 15. Dezember 1943, dem Tag als der 1939 von den Deutschen und Österreichern losgetretene Krieg auch Innsbruck erreicht hat, hier in der ihr fremden Stadt einen sinnlosen Tod gestorben ist. Nepael hatte sich in den berühmten Vier Tagen schon Ende September 1943 blutig von der deutschen Besatzung befreit, bevor die alliierten Truppen einrückten.
