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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Richard Steidle (XX.)

Richard Steidle (XX.)

Am späten Abend des 14. Juli 1927 wurde das Urteil im Schattendorfer Prozess verkündet: die drei Angeklagten, Josef Tscharmann, Hieronymus Tscharmann und Johann Pinter, wurden in allen Punkten (Öffentliche Gewalttätigkeit, versuchte schwere Körperverletzung und Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens) freigesprochen. Trotz der späten Stunde (21:30 Uhr) löste die Nachricht sofortige Proteste und Kundgebungen auf den Straßen Wiens aus. Während rechts-konservative Versammlungen feierten, kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Polizei und den sozialdemokratischen Demonstranten.

Die Volks-Zeitung titelte am folgenden Tag:

Die Mordtaten von Schattendorf bleiben ungesühnt! Arbeiter dürfen straflos hingemordet werden.  

Die Innsbrucker Nachrichten kommentierten das Urteil kaum, sondern berichteten lediglich über die Reaktionen in Wien und der sozialdemokratischen Presse.

Der 15. Juli brachte allerdings mehr als einige hitzige Schlagzeilen. Die Situation in Wien, die bereits am Vorabend kritisch gewesen war, schärfte sich weiter zu.  Am Vormittag wurden eine Polizeiwache und die Redaktion der Wiener Neuesten Nachrichten gestürmt. Nach einem Zusammenstoß vor dem Parlament, wandte sich die aufgebrachte Menge dem nahegelegenen Justizpalast zu. Kurz nach 12:00 Uhr brannte das Gebäude. Nachdem die Feuerwehr vergeblich versuchte, den Brand unter Kontrolle zu bringen (teilweise von der Menge behindert), eröffnete die Polizei das Feuer auf die Demonstranten auf dem Vorplatz. Mindestens 85 Demonstranten wurden getötet, ebenso 4 Polizisten. Die Überlebenden flüchteten aus der Innenstadt.

In der Folgte wurde zu einem bundesweiten Verkehrsstreik aufgerufen. Die Tiroler Landesregierung reagierte, indem sie kritische Infrastruktur (u.a. Bahnhöfe, Kraftwerke und Sendeanlagen) besetzen ließ. Dazu bediente sie sich nicht nur der Polizei und Einheiten des Bundesheeres, sondern auch der Heimwehr. Die Heimwehr wurde somit offen, wenn nicht als Arm der Landesregierung, so doch als ihr Instrument anerkannt. Der technische Notdienst der Heimwehr, zusammen mit den Mitgliedern der christlich-sozialen Eisenbahnergewerkschaft und der Deutschen Verkehrsgewerkschaft, konnte den Betrieb der besetzten Anlagen aufrechterhalten. Bundesweit endete der Streik am 19. Juli.

Steidle war in seinen Funktionen als Landesrat und Landesführer der Heimwehr natürlich ein beschäftigter Mann in diesen Tagen. Die sozialdemokratische Presse in ganz Österreich spottete zwar weiter über den „Heimatwehrhäuptling“, aber seine Machstellung wurde durch die Ereignisse zweifellos gefestigt. Landeshauptmann Stumpf schrieb an Bundeskanzler Seipel, um die Rolle der Heimwehr in der Brechung des Streiks in Tirol hervorzuheben und um Unterstützung seitens der Bundesregierung für die Organisation zu werben.  

(Titelbild: Heimwehrsoldaten mit Maschinengewehr am Hauptbahnhof, Signatur Ph-18450)

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