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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Richard Steidle (V.)

Richard Steidle (V.)

Zwei Monate nach seiner Wahl veröffentlichte Steidle seinen nächsten Artikel, betitelt „Tirol, sei auf der Hut!“, der auf der Titelseite des Tiroler Anzeigers erschien. Die Rhetorik des neuen Landesrats, der sich bisher bei seinen außenpolitischen Analysen auf einige rassistische oder antisemitische Seitenhiebe beschränkt hatte, wurde hier deutlich radikaler. Er schlug den Alarm, dass Österreich „mit französischen Lotsen“ einer Donaukonföderation zusteuere, die erneut unter habsburgischer Herrschaft stehen könnte. Denn mögliche Unterstützung für die Monarchie würde sich nicht nur im „städtischen Pöbel“ finden, der stets bereit sei „die schweißigen Nachtmützen vor dem jeweiligen Machthaber in die Höhe zu werfen“.[1] Überall in der Bevölkerung gäre die Unzufriedenheit und somit mögliche Unterstützung für einen zurückkehrenden Kaiser, weil „die Sozialdemokratie auf die erledigten Throne Seine Majestät den Juden setzte und das ‚souveräne Volk‘ der Herrschaft rassenfremder Elemente aus dem fernen Osten überantwortete.“[2] Man sei „angewidert von dem ekelhaften Treiben der asiatischen Eindringlinge“.

Steidle war überzeugt, dass jegliche Versuche, die Donaumonarchie wiederzubeleben, es unmöglich machen würden, mit Italien über die Brennergrenze zu verhandeln. Somit hielt er fest: „Jeder Tiroler, der die Hand dazu bietet, daß die Dinge einen solchen Lauf nehmen, begeht Landesverrat.

Auf eben jener Titelseite, auf welcher der besagte Artikel abgedruckt war, fand sich auch der Bericht über die Gründung des „Antisemitenbundes“ in Wien. Der Bund rief im November 1919 zu einer Versammlung auf, bei welcher der Obmann des Bundes, Andreas Thaler (1883–1939) sowie die Gründer des Tiroler Zweiges, Sepp Straffner (1875–1952) und Richard Steidle als Redner auftraten. Hier zeigt sich erneut die rasche Eskalation der feindseligen Rhetorik. Der Aufruf begann: „Auf zur Abwehr! Nach Ungezieferart breitet sich das volks- und rassenfremde Judentum mehr und mehr aus. Sein fluchbeladener Weg, den sittlicher Schmutz und der Nichtjuden wirtschaftlicher Niedergang kennzeichnen, führt auch in unser Land Tirol. Stadt und Land droht das Fremdvolk zu überschwemmen, alle werktätigen Stände unseres Volkes zu verseuchen zu versklaven.“ In Anbetracht der hier angedrohten „Überschwemmung“ fragt sich der Leser vielleicht, wie viele Juden denn damals in Tirol lebten – 10.000, 100.000? Fast, es waren um die 500, oder 0,1% der Bevölkerung.

Als Titelbild ist hier ein Flugblatt des Tiroler Antisemitenbundes von 1919 zu sehen. Es enthält die üblichen Hetzereien, darunter auch die Behauptung, dass sich Juden vor dem Kriegsdienst gedrückt hätten: „Vom Felddienste wussten sie sich fernzuhalten, während Ihr, Eure Söhne und Brüder draußen im Schützengraben darben und kämpfen musstet.“ Tatsächlich dienten rund 350.000 jüdische Soldaten im Heer der Monarchie, womit sie ca. 4,5% der Truppenstärke im Laufe des Krieges ausmachten, was fast genau ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach.

(Signatur FW-M-1)


[1] Diese Formulierung stammt aus Shakespeares Julius Ceasar, als Casca schildert, wie Markus Antonius Cäsar vor dem Luprecal eine Krone entgegenhält und dieser sie dreimal ablehnt – zum Jubel der Menge. Insofern eine seltsame Wahl, denn das Volk jubelt Cäsar zu, weil er sich eben nicht zum Monarchen macht.

[2] Hier wundert man sich vielleicht über den „Fernen Osten“. Man würde meinen, dass selbst der enthusiastischste Antisemit nicht abstreiten würde, dass das Judentum aus der Levante, dem Nahen Osten stammt – nicht, dass darin das Hauptproblem in Steidles Artikel liegen würde.

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