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8 Monate Anno 1902 (45)

8 Monate anno 1902 (45)

Am 1. September erwähnt Marie zum ersten Mal, dass auch sie mit auf die Jagd ging – ihr Interesse galt aber eher dem schön blühenden Heidekraut als einer allfälligen Beute. Und wie schon letzte Woche genoss sie Zeit mit ihren Geschwistern. Man kann sich eigentlich nur mit Marie freuen. Über Monate schienen sie keine Rolle zu spielen und nun zeigt sich doch einiger Kontakt. Ob die ihnen servierte Chocolade von Suchard stammte, ist nicht bekannt – aber eine interessante alpin-urbane Werbepostkarte ist das heutige Bild allemal…

31. August 1902, Schutzengel-Sontag, Hochzeits-Tag der lieben Tante Anna u. Onkel Nicolaus. Morgens nahte ich mich den hl. Sacramenten u. frühstückte bei den lieben Großtanten u. wohnte noch dem Gottesdienst bei. Das Wetter war herrlich; ich machte noch einen Sprung in die Salvator-Kirche, wo heute Ablasstag ist. – Nachmittags kam Herr Jenewein u. Hr. Hauck und blieben bis abends nach Souper hier.

1. September 1902, Montag.

Nachmittags giengen l. Onkel Nicolaus, Tante Anna u. ich in den Amtswald zur Jagd. Oben blühte herrliches Haidekraut; dabei blies ein eisiger Wind.

2. Sept. [1902], Dienstag. Heute früh nach der hl. Messe in Taschenlehen lud ich meine 4 größten Geschwister für nachmittags ein, was angenommen wurde. Infolgedessen hatte ich viel zu besorgen; Rehroulade machen, Spagatkrapfen backen. Martha kam zufällig auch herüber; also wurde auch sie eingeladen. Um 2 1/4h erschienen Josefine, Rudolf, Frieda u. Bianca; wir nahmen nun den Chocolade ein, zu dem Spagatkrapfen mit Maibutter, Schwarz- u. Weißbrot u. Butter serviert wurde. In Blumenstein vereinigten wir uns zu einem Halma- u. Belagerungs-Spiel, dann erquickten wir uns neuerdings, diesmal mit Rehroulade + Wein u. Obst. Improvisierte Verse sorgten für Unterhaltung, u. so war es viel zu früh für uns, als um 7h der Abschied nahte. Es war wirklich sehr angenehm; Martha gieng allein heim.

3. Sept. [1902], Mitwoch, Nichts besonderes.

4. Sept. [1902], Donnerstag, Herrliches Wetter wir gewöhnlich. Morgens war ich wieder in Taschenlehen bei der hl. Messe, zuhause zog ich mich in das wenig hübsche Hauskostüm um, eben war ich fertig u. ich frug Margreth, was sie denn im Fremdenzimmer so eilig vornehme. Sie antwortete, ein Polizeidiener sei unten, habe gesagt, dass sich auf der Kienbergpromenade ein Mann erschossen habe, noch lebe, u. verlangte ein Lavoir u. Tuch u. Wasser. Mich ließ unbegreiflicherweise die schaurige Mär fast ganz kalt; l. Onkel Nicolaus gieng gleich mit dem Polizeidiener hinauf, l. Tante Anna u. ich giengen erst etwas später auch zum Thatorte. Dort lag der noch lebende Mann, ein gewisser Schneidermeister Hütter aus Hall, zwar noch lebend, aber in so grauenhaftem Zustand, dass ich es gar nicht beschreiben will. Mir fiel ein, um einen Priester zu schicken, denn dieser Mann schien mir an den Pforten der Ewigkeit. Man fragte ihn, ob er er (sic!) einen wünsche, was ihm sehr angenehm war. Nun lief ich zum Schumacher um in der Not den fremden Pfarrer zu holen. Während dieses Hinunterlaufens kam mir ganz vor, als wie wenn sich meine Haare thatsächlich zu Berg stünden. Hw. Herr Pfarrer kam gleich, das es sich ja um einen Sterbenden handelte, sagte aber, man möge auch nach Hall ins Pfarramt schicken. Ich nahm meinen Hut u. lief gleich in den Widdum, wo Herr Cooperator gleich mit mir hinüber gieng. Als wir nach Andlklaus kamen, meldeten l. Tante Anna u. O. Nicolaus, dass er bereits dem Pfarrer von Taschenlehen gebeichtet habe u. sehr froh um selben war. Es kam nun auch gleich die Tragbahre mit dem armen Unglücklichen; man hoffte, dass er den Transport überlebe, weshalb man ihm erst in Hall die letzte Ölung gab. Angeblich war er in finanzieller Noth, war gestern abends beim Ausserer u. erschoss sich um 10h nachts einmal in den Kopf, das 2te mal in die Brust.

Gestern war Jagdtag; Anton u. Herr Hauck waren bei uns.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Slg. Günter Sommer, Bd. 5, Nr. 151.

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