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Reich Und Arm: Mit Den Augen Des Unbekannten Fotografen IV

Reich und Arm: Mit den Augen des unbekannten Fotografen IV

Diese Aufnahme wurde von unserem Fotografen mit „Statthalterei v. Inn aus“ beschriftet. Während er also das Verwaltungsgebäude der kaiserlich-königlichen Zentralgewalt ins Zentrum rückte, richten wir hingegen den Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite:

Auf dem nur zum Teil sichtbaren Gebäude ist die Aufschrift „Stadtasyl für Obdachlose“ zu erkennen. Im Haus Herrengasse 2, das 1965 abgebrochen wurde, hatte sich seit 1876 eine Volksküche befunden, in der einkommensschwache Leute günstige Mahlzeiten erhielten. Weil der bauliche Zustand 1903 bereits völlig unzureichend war, wurde beschlossen, eine neue Volksküche über der Schlachtbank am Marktplatz einzurichten und das frei werdenden Gebäude zu Innsbrucks erstem städtischen Obdachlosenheim umzufunktionieren.

Am 23. Dezember 1903 erklärte Gemeinderat Franz Thurner – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, aber bereits 1879 verstorbenen Gründer der freiwilligen Feuerwehr – in den Innsbrucker Nachrichten ausführlich die Notwendigkeiten und Beweggrunde für eine derartige Einrichtung. Indem man „armen Personen, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Stand, Religion ein unentgeltliches Obdach für einen gewissen Zeitraum“ gewährt, solle der Hausbettel vermindert und die öffentliche Sicherheit erhöht werden. Bei den dargebrachten Argumenten fühlt man sich an aktuelle Diskussionen erinnert. Thurner verurteilte das Almosengeben mit deutlichen Worten: Blindes Geben, wie er es nannte, sei völlig zwecklos und leiste lediglich „dem Stromertum, dem Vagantenwesen, der Branntweinseuche und dem Verbrechertum“ Vorschub. Statt Almosen zu verteilen und die organisierte Bettelei zu fördern, sollten sich Menschen besser persönlich um die Armen kümmern oder vertrauenswürdige karitative Einrichtungen unterstützen.

Die dauerhafte Armenpflege in Innsbruck sah der Gemeinderat als bereits gut entwickelt an, aber in der „präventiven Armenpflege“ bestehe Nachholbedarf, um Menschen in akuter „Hilf- und Ratlosigkeit“ zu unterstützen und schlimmere Folgen zu verhindern. Bereits zehn Jahre davor hatte er deshalb Obdachlosenasyle in Graz, Salzburg, Linz und München besucht und für eine ähnliche Institution in Innsbruck plädiert: Die nunmehrige Einrichtung war somit eine längst überfällige.

Die Geschichte des Hauses gab Thurner Recht: Bereits unmittelbar nachdem die Volksküche Anfang Dezember 1903 ausgezogen war, aber noch bevor irgendwelche Adaptierungen vorgenommen worden waren, diente das Haus als Notunterkunft. So fand etwa auch eine bedürftige Witwe mit sieben Kindern Zuflucht.

In den folgenden Monaten wurde das Haus entsprechend eingerichtet und am 21. Oktober 1904 beschloss der Gemeinderat die von Thurner vorgestellte Hausordnung dieser ersten städtischen „Notschlafstelle“: Obdachsuchende mussten sich zunächst in der Aufnahmekanzlei ausweisen und ihre Notlage schildern. Wurden sie aufgenommen, fanden sie bis zu drei Nächte unentgeltlich Unterschlupf und erhielten in dieser Zeit auch eine Abend- und eine Frühsuppe samt Brot. Von vornherein ausgeschlossen waren durchreisende Handwerksburschen und Arbeiter, ebenso wie alkoholisierte oder „mit Eckel erregenden Krankheiten“ behaftete Personen. Das „Mitnehmen jeder Art geistiger Getränke in das Asyl“ war verboten; wer sich nicht an die Hausordnung hielt und die Ruhe störte, musste seinen Schlafplatz aufgeben.

Dem „Stadtasyl für Obdachlose“ sollte übrigens die gleiche Zukunft wie der Volksküche bevorstehen: etwas mehr als zwei Jahrzehnte nach der Eröffnung erwies sich die Herrengasse 2 als nicht mehr zweckmäßig. 1927 erfolgte deshalb der Umzug in das neu errichtete Gebäude in der Hunoldstraße. Eine Nachnutzung des Hauses war schnell gefunden: es sollte im Sommer als Herberge für Wanderer und Pfadfinder, im Winter als Wärmestube dienen.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum, Ph-Pl-677)

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